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Antike unter Strom

Denkt man an Rom und seine Museen, fallen einem unweigerlich jene berühmten Sammlungen ein, die im Vatikan, in der Villa Borghese oder auf dem Kapitol zu bewundern sind. Tausende Menschen drängen sich täglich durch die Säle, Räume und Galerien, vorbei an antiken Schätzen, namhaften Meistern und himmlischen Pretiosen. Pausenlos belagert und totfotografiert verlieren sich die Werke der Ausnahmekünstler und Genies im Massenstrom der Besucher. 3000 Jahre Geschichte der Ewigen Stadt zusammengepfercht in Foyers, Fluren und Museumsklausen – Raffael und Bernini im Ausverkauf.

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Das es auch anders geht, beweist ein Museum, das eigentlich nur als Zwischenlösung angedacht war.  Umfangreiche Baumassnahmen im Konservatorenpalast auf dem Palatin im Jahre 1997 machten eine Auslagerung von großen Teilen der Sammlung nötig. Man entschied sich für das ehemalige Elektrizitätswerk Montemartini als zunächst vorübergehende Bleibe. Als nach acht Jahren die Bauarbeiten endlich abgeschlossen waren, beschloss man, die antiken Kostbarkeiten im Kraftwerk zu belassen – sozusagen als Aussenstelle der Kapitolinischen Museen.

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Das Museo Centrale Montemartini – die schönste Filiale der Welt. Hier findet man keinen Michelangelo, keinen Borromini und keinen Valadier und auch kein harziger Duft von Gemäldefirnis dringt in die Nase des Besuchers. Hier riecht es nach Altöl.

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Apollo Sosianus meets Franco Tosi – solcherlei Begegnungen des Gegensätzlichen schickt den Staunenden auf eine Zeitreise mit Quantensprungcharakter. Während im Vordergrund blütenweisser Marmor in Jahrtausenden rechnet, zählt sein Schatten gerade mal gute einhundert Jahre. Denn die grobschlächtigen Dieselmotoren, Kesselanlagen und Dampfturbinen stammen aus dem beginnenden 19. Jahrhundert und stehen scheinbar im Widerspruch mit den zarten und hochbejahrten Juwelen.

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Wie kostbar dieser Kontrast doch ist. Antike Kunst und moderne Industriearchitektur profitieren gleichermaßen voneinander. Ursprünglich war die monströse Maschinerie bereits demontiert, bis sich die städtische Elektrizitätsgesellschaft ACEA entschloss, den bereits im Verfall befindlichen Komplex zu restaurieren. So erfuhren Kesselhaus und Maschinensaal ihre Wiedergeburt als industriegeschichtliches Erbe der Stadt Rom.

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Schon in den Vorräumen präsentiert sich ein munteres Essemble kultureller Vielfalt vor dezent kolorierter Kulisse – erdiges Ockergelb rückt kleines und alltägliches in den Vordergrund und die effektvolle Beleuchtung sorgt obendrein dafür, dass sich so manche Nebensächlichkeit bei näherer Betrachtung in einen Knalleffekt extraiert.

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Schon hier verspürt man den innigen Wunsch, näher zu rücken und tiefer in die Geschichte einzutauchen, die hier zum Greifen nahe liegt. Immer wieder melodische Namen herausragender Gestalten, aber auch abseits dieser bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens findet man solche, die ihre Fäden im Hintergrund gezogen haben, so wie die Büste des Marcus Vipsanius Agrippa, der beste Freund und Schwiegersohn des Augustus. Und nicht zuletzt jene unbekannten und vergessenen Helden, die ihre Geschichten ausplaudern möchten. Politik, Alltag, Leben und Sterben – allgegenwärtige Augenblicke römischer Kultur.

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Imposante Fenster lassen ein wohliges, natürliches Licht in die riesige Maschinenhalle fallen und taucht die Exponate in lebendige Mystik. Ja, es scheint fast so, als wollten die alten Skulpturen aufstehen und umhergehen und aus ihrem Leben erzählen. Und wer würde da nicht gerne zuhören?

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Eine ansehnliche Sammlung römischer Portraits – wichtige Kaiser, unsterbliche Helden und namenlose Schönheiten; sie alle geben dem Ambiente Gesicht.

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Die Toga des einfachen Mannes hängt hier gleich neben des Kaisers goldenem Lorbeer, und unter dem Dach Jupiters ruht sich der Diskuswerfer von seinem Wettkampf aus.

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Götterdämmerung im Scheinwerferlicht, und wer hier den ein oder anderen schmerzlich vermisst, wird dafür auf andere Art und Weise entschädigt. Auch wenn die Sammlung keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit stellt, überrascht sie immer wieder mit anspruchsvollen Details, seltenen Portraits und historischen Momentaufnahmen. Und wer sich in der Vordergrund drängelt, wird rasch auf seinen Platz verwiesen.

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So war das auch damals schon, und viele mussten schmerzlich erfahren, dass der in die Wiege gelegte Lorbeer nicht nur verteidigt, sondern ebenfalls verdient werden musste. Auf Dauer halfen auch die prächtigsten Marmorbüsten, an denen wir uns hier erfreuen, nichts. Das Scheusal Caracalla schaut sicher nicht ohne Grund mit ernster und wohl ein wenig neidischer Mine auf seinen grossen Vater Septimius Severus, und viele Jahre später war es der Araber Philippus, der sich behaupten musste. Jedenfalls die Augen seiner Frau Otacilia Severa verbergen geschickt den Stolz einer Augusta. Aber zuvor spricht Mars sein Machtwort über die Lebenden und Sterblichen, und – bei den Göttern, es wäre unklug, nicht einen Moment zuzuhören…

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Detailarbeit im Rhythmus des alltäglichen Lebens – so präsentiert sich selbst die Zimmermannskunst der Antike plastisch und verständlich in handwerklicher Virtuosität.

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Im Kesselhaus kniet Niobe’s Sohn, den tödlichen Pfeil erwartend, und wer fiebert hier nicht mit? Eine fast unerträgliche Spannung liegt in dieser Szene und auch, wenn wir den Ausgang kennen, hoffen wir ganz insgeheim auf ein happy end.

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Aber auch hier geht es nicht nur göttlich zu – die junge Lucilla neben dem unbekannten, klugen Strategen aus der umfangreichen Sammlung des Fulvius Plautianus – jener Prätorianerpräfekt, der seinen Griff nach der Kaiserkrone mit dem Leben bezahlte.  Und schon befindet man sich wieder mitten im Leben der antiken Realität, das uns zumindest ein kleines Zeitfenster zu den unsterblichen Helden, strategischen Genies, fanatischen Herrschern und alltäglichen Charaktern öffnet, und sei es nur für einen Augenblick.

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Ein Augenblick der Stille: Der geschundene Körper des Marsyas, dem die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wurde als grausame Strafe für den Sterblichen, der sich zum Gott erheben wollte – nur ein Mythos, aber auch eine illustratorische Metapher der Selbstüberschätzung, die nachdenklich macht.

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Die Schöne und das Biest oder der Kitzel des großen Unterschieds zwischen Satyr und Nymphe, die trotz unausgewogener Schönheitsverhältnisse und scheinheiliger Abwehrstellung zu sexueller Vereinigung fanden – erotische Szenarien, die sich auch in den Statuen des Pothos aus hadrianischer Zeit enthüllen und dem Betrachter eine schmackhafte Pikanterie archaischer Geilheit offenbart.

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Neben den kurzweiligen Abdrücken findet sich aber auch Herausragendes. Solches, was man länger bestaunen und aus allen Perspektiven entdecken möchte. So entführt die Muse in ihre eigene, besondere Welt, und auch, wenn die Papyrusrolle ihren Namen nicht verrät, scheint ihr gedankenverlorener Blick gerade so, als hätte sie ihn selbst vergessen.

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Salopp hingegen schlägt die unbekannte Schönheit ihre Beine übereinander. Die personifizierte Anmut – lässig unschuldig nicht nur ihre Körperhaltung, sondern auch die raffiniert auf dem Haupt verknotete Frisur. Ein Leckerbissen.

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Wenn der Rheinländer von einem „lecker Mädche“ spricht, meint er gemeinhin ein rundum attraktives weibliches Wesen. Nun, jene Kaiserin, auf die diese Beschreibung ohne weiteres zutrifft, feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag und wo sonst könnte sie dieses Fest würdevoller begehen als in ihrer Heimatstadt Köln. Agrippina, die ihren eigenen Onkel heiratete und aus ihrem Schoss einen Tyrannen gebar – eine Statue aus schwarzem Basanit, deren einzigartige, fast schon spirituelle Erhabenheit die dunklen Seiten der Macht in allen Details umschreibt. Und wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, kann man sich von ihrer magischen Anziehungskraft hier selbst überzeugen.

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Ganz großes Kino: Eine Kulisse in blau, grün und ocker, die den Akteuren genügend Spielraum zur vollen Entfaltung lässt. Die Hauptdarsteller ihrer Zeit inszenieren sich blütenweiss auf intimem Podium und entführen den Zuschauer in die Welt der Komödien, Dramen und Episoden erregender Epochen.

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Antike unter Strom, und elektrisiert verlässt man diesen Ort. Sicher, es gibt berühmtere Sammlungen, wichtigere Statuen und bestimmt auch bedeutendere Spuren der römischen Antike. Aber nirgends so spannend wie hier.

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