Archiv der Kategorie: Namibia

Cool for Cats

Katzen – geschmeidige Geschöpfe. Schmusetiger als gesellige, eigenwillige Begleiter des Menschen und vielleicht ihm auch charakterlich ähnlicher als angedacht. Katzen als highlight einer Afrikareise, und ich musste herzhaft lachen, als es zum wiederholten Male die Katzen waren, die vorrangig und einsam zum Höhepunkt des globetrottigen Ausfluges in die Wildnis mutierten.

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Katzen als Sinnbild für die Wildnis Afrikas – jene ursprüngliche Weite, die dem Leben Raum lässt. Die Wurzeln der Vorreiter sind tief spürbar, und wer erinnert sich nicht an die unsterblichen Augenblicke, die Grzimek & Co. vor vielen Jahrzehnten festhielten.

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Ich fand mich viele hundert Meilen südlicher wieder, als ich vor gar nicht langer Zeit ein Projekt besuchen durfte, das nicht nur die Sehnsucht nach dem afrikanischen Traum befriedigt, sondern auch dessen Schattenseiten aufzeigt. Africat – ein Fest für Katzen, und vor allem für solche, die in der freien Wildnis keine Chance haben. Die Problematik liegt auf der Hand: Nutzvieh versus wildness – selbst hier in den scheinbar unendlichen Weiten konfrontiert sich die Problematik zwischen Farmleben und wildlife immer wieder auf’s Neue.

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In aller Frühe sind wir in Windhoek losgefahren – vorbei an zahlreichen Farmen in einer ansonsten monotonen Landschaft auf dem Weg in den Norden des Landes. Inmitten des Okonjima Nature Reserve schlugen wir unser Lager auf. Sogar einen pool gab es zu meiner grossen Überraschung, der mir nach vielen Stunden staubiger Fahrt eine willkommene Abkühlung bescherte.

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Auf einer Gesamtfläche von 20.000 Hektar leben hier Leoparden, Löwen und Geparde. Allerdings ist dies kein zoologischer Garten – die Tiere wurden nicht freiwillig aus der Wildnis genommen und stammen ausnahmslos aus dem ewigen Konflikt zwischen Tier und Mensch. Verwaiste, verletzte und sonstwie hilflose Großkatzen werden hier auf ihr zukünftiges Leben in freier Wildbahn so gut wie es irgendwie geht vorbereitet, und immerhin liegt die Auswilderungsquote bei annähernd 90 Prozent.

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Africat bietet Essen, Pflege und ein Zuhause auch für die wenigen, die sich nicht mehr in die Wildnis Namibias reimportieren lassen. In permanenter Zusammenarbeit mit Forschern, Wissenschaftlern und Umweltbehören spricht Africat nicht nur den neugierigen Touristen an, sondern leistet auch Lehrarbeit für die Jugend des Landes. Hier geht es um weit mehr als nur die Präsentation von Raubkatzen – ein gut ausgebildetes Team vermittelt während der Tour ein attraktives Gesamtpaket aufschlussreicher Hintergrundinformationen rund um Mensch und Natur.

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Hier ist Aufklärung gefragt – ökologische Programme charakterisieren nicht nur ein grösseres Verständnis für die Umwelt und die Wichtigkeit der Erhaltung bedrohter Tierarten, sondern sorgen auch für ein ungetrübtes Miteinander zwischen den Bedürfnissen von Mensch und Tier, das im Vordergrund steht. So werden die Viehfarmer durch umfangreiche Rettungs-, Befreiungs- und Umsiedlungsprogramme unterstützt, um die Schäden durch Eindringen der Raubtiere so gering wie möglich zu halten

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Endlose Weiten, in denen sich scheinbar das Paradies ‚wildlife‘ offenbart, aber auch hier ist das Zusammentreffen von Mensch und Tier allgegenwärtig, das den Einsatz von Africat auf kommerzieller Ebene nötig macht. Ein afrikanischer Tag geht zu Ende und noch lange hallen die heutigen Eindrücke tief und beeindruckt in mir wieder.

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Africat – Katzen im Visier. Wo sonst beschreitet man den Kompromiss so geschickt, ideenreich und harmonisch wie hier?

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Red Sails In The Sunset

Genau dieses Bild hatte ich vor Augen: Eine glutrote Düne, die sich in den stahlblauen Himmel schwingt. Im Vordergrund ein fast schwarzes Fragment, das dem farbigen Essemble seine kargen Äste gespenstisch entgegenstreckt. Dieses Bild hatte sich in mir eingebrannt, als ich vor vielen Jahren einige Fotos der Namibwüste in einem Reisekatalog entdeckte. Es war die unendliche Schönheit des Einfachen, eine geheimnisvolle Komposition aus Millionen Jahren Erdgeschichte und polychromer Entrückung.

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Die Landschaft präsentierte sich rau und manchmal unwirtlich, und nur vereinzelte ländliche Gemeinden passierten wir auf langen Fahrt, die uns vom kleinen Ort Aus im Süden, wo wir die letzten Tage verbracht hatten, wieder in die Landesmitte bringen sollte. Die Erosion ist in diesem Gebiet weit fortgeschritten. Das NamibRand Nature Reserve – abgerundete Hügel, trockenes Gelände und ‚gefoltertes Gestein‘. Das flächenmässig grösste Naturschutzgebiet des Landes ist ein Eldorado für Menschen, die die Einsamkeit und die ‚unüberhörbare‘ Stille  der Wüste und deren Faszination suchen. Weite Sand- und Gesteinsflächen wechseln mit endlos schimmernder Graslandschaft und bizarre Gebirge definieren den Gegensatz.

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Selten habe ich mich so auf ein erfrischendes Bad gefreut. Wir alle waren froh, als wir nach über 350 Kilometer Schotterpiste das Camp aufgebaut hatten und uns – verstaubt und verschwitzt, in den kleinen Pool fallen lassen konnten. Die letzten Tage im Süden waren kühl und während der Fahrt sorgte die Klimaanlage dafür, dass wir die Temperaturschwankung gar nicht wahrnahmen. Doch hier im Sesriem Camping Site schlägt die Namib erbarmungslos zu.

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Touch me, desert! Am späten Nachmittag zieht es uns trotz des brennend heissen Windes auf eine erste Berührung. In knapp fünf Kilometer Entfernung vom Camp erhebt sich die Elim – benannt nach der Farm, die hier einst lag. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet ‚Bäume‘ und das Alte Testament erzählt von Wasserquellen, Palmbäumen und dem Ort, an das Moses sein Volk nach der langen Wanderung durch die Wüste geführt hat.

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Auch wenn die mit Grasbüchel bewachsene Düne scheinbar einfach zu besteigen scheint – mühsam ist der Weg nach ganz oben, denn nur dort offenbart sich die Elim mit ihrer atemberaubenden Vielfalt an farbenfrohen Details und Ausblicken in eine sagenhafte Umgebung, die sich in der rasch sinkenden Sonne immer wieder neu präsentiert.

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Die herrlichen Farbenspiele begleiten uns lange, bis die Sonne das glühende Rot endgültig in ein erdiges Ocker verwandelt und den Himmel auffordert, seine Sternenpracht über die sich schlafen legende Erde auszubreiten. Immer wieder bleiben wir stehen – atemlos, um den Augenblick einzufangen. Den Moment, wo die Sonne hinter den fast schwarzen Dünensegeln abtaucht und ein magisches, ja königliches Violett hinterlässt.

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Sossusvlei – schon der Name treibt einem die Schweissperlen auf die Stirn. Sossus stammt aus der Sprache der Nama, die hier einst lebten, und bedeutet ‚blinder Fluss‘ und vlei steht im Afrikaans für einen kleinen, flachen Tümpel. Es gibt Zeiten, da schafft es das Wasser des Tsauchab River tatsächlich von den Naukluftbergen bis in die Sandwüste und haucht den Ton- und Lehmpfannen für einen Augenblick Leben ein, doch der Umstand, dass nennenswerte Niederschläge in den letzten Monaten ausgeblieben sind, lässt uns nur auf aufgerissene und zerfurchte Erde schauen.

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Noch weit vor Tagesanbruch erwacht das Camp zu geschäftigem Leben. Alle wollen nur das Eine: Den Sonnenaufgang an einem der schönsten Orte der Welt erleben. Die Luft knistert und der Himmel öffnet seine Pforten für einen der schönsten Tage, die ich meinem Leben erfahren durfte.

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Bis zur dune 45 sind es eben 45 Kilometer, und dann braucht es noch einige Zeit, sich im fluffigen Wüstensand ganz bis nach oben zu kämpfen. Aber die Mühe lohnt sich. Wenn die Sonne endlich über die schwarze Bergkette am Horizont kriecht, erlebt man sein ‚rotes Wunder‘. Wie könnte ich einen Augenblick beschreiben, dessen Schönheit sich immer wieder von neuem eröffnet? Es leuchtet, es glitzert, es glimmt. Scheinbar schwerelos eine Sinfonie in Blau, Lila, Rot, Rosa, Altweiss und Ocker – eine Melodie im Rhythmus der Natur, die niemals verstummt.

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Auch wenn ich nicht allein war, habe ich doch einige Zeit dort oben verbracht und über Gott und die Welt und alles mögliche andere nachgedacht. Längst abgelegte Gedanken, die hier sich hier Zeit und Raum nehmen, neu erlebt zu werden. Ein Freund von mir würde wohl anmerken, es wäre Zeit für ein Gedicht. Und so ganz unrecht hätte er nicht, und ich wünsche mir, diesen Moment mit ihm teilen zu können. Hier oben ist eben alles anders. Hier vereinigen sich Jahre zu einem einzigen Moment – hier wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr die Spurensuche zu meinem Leben gehört. Hier bin ich ich.

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Nach einem deftigen Frühstück mit ‚ham & eggs‘ führte uns der Weg ins Nana Vlei. Hier weicht das satte Orangerot einem blassen Hellgelb, während die Sonne rasch an gewinnt und die Schatten schrumpfen lässt. Kameldornbäume saugen mit ihrem tiefen, weit verzweigten Wurzelwerk die letzten Reserven aus dem Boden, während in ihrem Schatten Oryx-Antilopen vor der unerträglichen Mittagshitze Schutz suchen.  Wie der Baum selbst sind auch die Tiere, die hier leben, genügsame Überlebenskünstler in widriger Umgebung.

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Die prächtigen Oryx-Antilopen haben sich im Laufe der Evolution an das Leben in der Wüste angepasst. Sie können, ähnlich wie Kamele, längere Zeit ohne Wasser auskommen und dabei ihre Körpertemperatur über 45 Grad ansteigen lassen, ohne Schaden zu nehmen. Möglich ist das dank der besonderen Konstruktion ihrer Halsschlagader, die wie ein Wärmetauscher funktioniert. Es sei jedoch gewarnt: Auch wenn die Tiere den Kontakt mit dem Menschen scheinbar nicht scheuen, kann die Unterschreitung einer gewissen Distanz lebensgefährlich sein. Oryx wissen sich gegen ihre potentiellen Feinde wie Raubkatzen und Hunde zu behaupten und forkeln alles nieder, was sie bedroht oder angreift.

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Die Wüste lebt. Auch wenn man stundenlang in einer scheinbar ausgestorbenen Welt umherschweift – das Leben findet im Verborgenen statt: Schlangen, Käfer, Spinnen und Skorpione verkriechen sich im allgemeinen vor der grossen Hitze unter Steinen, Gestrüpp oder in Erdlöchern. Sie alle haben eine eigene, geniale Strategie entwickelt, um ihren Wasserbedarf zu decken: Die lebenserhaltene Flüssigkeit nehmen sie mit ihren Beutetieren auf, die aus bis zu 70 % aus Wasser bestehen. Erfahrene Führer können diese Bewohner aufspüren, aber selbst in der Natur herumzustochern sollte man tunlichst unterlassen. Um im unbarmherzigen Überlebenskampf bestehen zu können, hat Mutter Natur so manchem Lebewesen einen hochprozentigen Cocktail an Toxinen mit auf den Weg gegeben, der auch für den Menschen gefährlich werden kann.

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‚Jetzt suchen wir den Tod‘, dachte ich, und tatsächlich ist es nur ein Augenblick, der über Leben und Sterben entscheidet. Die Wüste erscheint auf den ersten Blick unbarmherzig und grausam, aber wer mit ihr lebt und sich ihren Regeln unterwirft, wird erkennen, dass sie im tiefsten Inneren eine Oase sein möchte. Ein Ruhepunkt im Leben, an dem man – einmal wirklich angkommen, verweilen und neue Kraft schöpfen kann. Jedenfalls mir erging es so…

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Sesriem kommt aus dem Afrikaans und bedeutet ses riem, also ‚Sechs Riemen‘. Das Aneinanderknüpfen von sechs Riemen aus den Häuten der Oryx-Antilope war nötig, um Wasser aus diesem Canyon schöpfen zu können – manche Erzählungen sprechen auch von Ochsenfellen. Mittlerweile sind die Schöpfenden längst weitergezogen und nur wenige Wasserstellen inmitten des schieferartigen Gesteins sind erhalten geblieben. Ein winziges Überbleibsel, das sich in Regenzeiten in ein Märchenland verwandelt. Auch wenn dies durschnittlich nur alle 10 Jahre einmal vorkommt, bleibt ein Spaziergang durch die bizarren Felsformationen des uralten Gesteins ein besonderes Erlebnis. Der Sesriem Canyon hat sich im Laufe von zwei Millionen knapp einen Kilometer lang und bis zu 30 Meter tief in das Sedimentgestein hineingefressen; ein Winzling gegenüber seinen namhaften und spektakulären Verwandten. Doch der Sonnenuntergang beschreibt seine ganz eigene, archäische Schönheit und beweist, dass er den Vergleich nicht scheuen braucht.

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Wieder einmal geht ein Tag vorbei und ich geniesse den Sonnenuntergang im Canyon in vollen Zügen – gerade so, als wäre es der letzte. Morgen liegt ein langer Tag vor mir. Ein Tag voller neuer Impressionen, Abenteuer und Herausforderungen.. ein afrikanischer Tag eben.

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Red Sails in the Sunset –  es war jene olle Kamelle der jungen Beatles, die mir abends am Lagerfeuer in den Sinn kam. Genau so hatte ich die Namib gerade erlebt: Rote Segel inmitten eines Meeres, das seine Ufer in alle Winde verstreut und auf dessen Wellen ich mich wohlig treiben lasse.

Peri Nawa

„Everything’s all right.“

Als ich vor einigen Wochen ein kleines Dorf im Norden Namibias besuchen durfte, war dies eines der wenigen Worte, die ich so schnell nicht vergessen werde. Es liegt wohl weniger an der Sprache selbst – eher sind es wohl die besonderen, wenn auch leider nur kurz angeschnittenen Eindrücke, die bei mir deutliche Spuren hinterlassen haben.

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Das Dorf, das ich besucht habe, wird von Himba bewohnt. Die Menschen eines der letzten halbnomadischen Völker des afrikanischen Südens leben im nördlichen Teil Namibias, dem Kaokoland, aber auch im Süden Angolas.  Obwohl sie Sprache und Kultur mit den christianisierten Herero teilen, lehnen sie westliche Kleidung ab, ziehen die Körperbemalung vor und betonen ihren Haarschmuck.

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Die Frisuren bezeugen den sozialen Stand eines Gemeinschaftsmitglieds. Mädchen tragen ihr Haar in langen, mit Perlenschnüren verzierten und ins Gesicht fallenden Fransen; zu zwei zur Stirn gerichteten Zöpfen hingegen heiratsfähige junge Frauen. In überschulterlangen, gedrehten und mit Ocker eingeriebenen Flechten aus dem Gesicht gekämmt und mit ‚Fellhaube‘ geschmückt, präsentieren sich verheiratete Frauen. In diesem komplizierten Geflecht offenbart sich bereits der Stolz der eigenen Tradition –  viel Zeit vergeht, bis Frau die Haare schön hat.

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Besonders auffällig ist die fettige Creme, mit der sich Männer wie Frauen einreiben. Sie verleiht ihnen nicht nur die typische rote Hautfarbe, sondern schützt auch vor dem extrem heißen und trockenen Klima des Kaokolands und vor Moskitostichen. Sie besteht aus Butterfett und Ockerfarbe, okra genannt. Der färbende Bestandteil im natürlichen roten Ocker ist das Eisenoxid, dazu kommt das aromatische Harz des Omazumba-Strauches.

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Wertvoll sind die Schmuckgegenstände aus Eisen und Erzen, die oftmals über mehrere Generationen weitervererbt wurden. Sie symbolisieren nicht nur Reichtum, sondern unterstreichen auch die archaisch anmutende Schönheit ihrer Besitzerin, die ihn stolz um den Hals und an den Hand- und Fußgelenken trägt. Darüber hinaus sind sie nur mit einem aus Kalbsleder und Kalbsfell hergestellten Lendenschutz bekleidet; der restliche Körper bleibt unbedeckt. Ockerfarbene Haut, traditionelle Haarpracht und variantenreicher Schmuck machen das Schönheitsideal der Himba-Frauen aus. Ein Ideal, das für uns westlich geprägten Besucher vielleicht ungewohnt ist. Aber es stimmt: Die Himba-Frauen sind schön – und sie strahlen eine große Würde aus.

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Wie viele andere afrikanische Stämme verehren auch die Himba ihre Ahnen – die monotheistische Religion stützt sich auf ihren Gott mukuru. Okuruwo, das heilige Feuer der Himba, hüten sie wie einen Schatz. Zwischen der Hütte des Clanchefs und dem Viehkral gelegen, darf es nie erlöschen, denn es stellt die so wichtige, symbolische Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten her. Die Feuerstelle ist der zentrale Teil eines Himba-Dorfes – seine Anordnung auf der Linie zwischen der Haupthütte und dem Tiergehege ist streng vorgeschrieben.

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In ihrer weltlichen Welt dreht sich alles um ihre Kühe und Ziegen. Sie sind der einzige Besitz, der wirklich zählt. Ob ein Himba reich ist, erkennt man an der Größe seiner Herde. Geld oder andere materielle Dinge sind nicht so wichtig. Sie leben im Einklang mit der Natur, die ihr Überleben sichert und sie mit allem Nötigen versorgt: Mopane wird vor allem als Baumaterial für Hütten, Zäune und Vorratskammern genutzt – der braune Kampferbaum dient der Fertigung von Geschirr und Löffeln und auch für die traditionellen Holzkopfkissen.

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Im Dorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein wenig komme ich mir vor wie einem Freilichtmuseum, in dem vergangene Kulturen anschaulich dargestellt werden. Aber das ist die Realität der Himba im 21. Jahrhundert: kein Strom, kein fließend Wasser, kein Telefon, kein Fernseher und kein Handy-Empfang – einfachstes Leben in unwirtlicher Natur.

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Nur für einen kurzen Augenblick durfte ich am Leben eines der letzten Naturvolkes Teil nehmen; viel zu kurz, denn ich hätte mir einige Augenblicke mehr gewünscht, um Kultur, Geschichte und vita näher kennen lernen zu dürfen. Doch wurde mir in diesen Momenten auch klar, dass ich zurückkehren werde.

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Fast unberührt von der europäischen Zivilisation leben heute in etwa 7000 Himba als Viehzüchter, Jäger und Sammler im südlichen Afrika und mein Wunsch allein ist es, dass ein sanfter Tourismus diese ganz besondere Welt dem Spurensuchenden so nahe bringt wie die Sprache, die aus einem lustig anmutenden Kauderwelsch aus Bantu und Afrikaans fragt: „Ua penduka nawa ?“

„Peri Nawa!“ …everything’s all right!

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Running with the dog

Gibt es noch Wildhunde auf dieser Erde?

Ja, aber der Bestand ist bedroht – nur noch 500 Tiere werden in Namibia gezählt. Der freundliche Killer, gerühmt wegen seines Jagderfolgs, ist selten geworden. In Relation zu seinem Gewicht besitzt er die grösste Beisskraft im Reich der wilden Tiere. Kein anderes afrikanisches Raubtier jagt effizienter als der Wildhund und während beispielsweise Löwinnen nur jeden zehnten Versuch mit einem Kill beenden, führt bei ihnen jeder zweite Jagdanlauf zum Ziel. Wer also könnte mir besser und effizienter die Schönheiten Namibias nahebringen als ein Wildhund. Einer, der auf ‚du und du‘ mit all den Gegebenheiten lebt, das ein Land, welches im Prinzip nur aus Wüsten besteht, bieten kann. Namibia – ein Land, das seit fast zwei Jahren keinen nennenswerten Regen mehr erlebte. Eine Wüste, deren Bewohner dem Übel trotzig entgegen strotzen und auf die kommende Regenzeit hoffen. Ein Land voller Kontraste und Widersprüche, mit seiner einzigartigen Mischung aus afrikanischen und europäischen Einflüssen. Namibia, das „Land of the Brave“.

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Fast 18 Jahre liegt meine letzte Reise ins südliche Afrika zurück, aber die Erinnerungen, als ich mit ‚drifters‘ durch das Okavangodelta getourt bin, haben mich wach gehalten. Nun ja, damals waren die Camps noch ‚back to basic‘ – nur ein Holzschild „Botswana Camp Site“ an einem Mopanebaum erlaubte uns, die Zelte aufzuschlagen und dann wurde erst mal ein Loch gegraben, in das man kacken konnte. Namibia ist anders. In Namibia musst du kein Loch graben. In Namibia haben die Camps Toiletten, Stromanschluss und in den allermeisten Fällen sogar einen pool. Das Land mit der höchsten Lebensqualität in ganz Afrika, und trotzdem gilt auch hier die wichtigste Regel zu beachten, die mir in den Jahren prägend in Erinnerung geblieben ist: „Listen to your Guide“.

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Auch wenn die Umgebung manchmal vorgaukelt, man befinde sich inmitten der kuscheligen Sicherheit daheim, gelten für den afrikanischen Kontinent ganz andere Regeln. Das heisst zwar nicht, dass man dort nun ständig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt wäre, aber es schadet nicht, die wenigen – ganz besonderen Vorsichtsmassnahmen zu beachten. Anders als in Europa besteht die Fauna auch aus giftigen und für Leib und Leben gefährlichen Tieren, wenn auch ein Zusammentreffen mit den meisten ziemlich unwahrscheinlich ist. Denn es liegt in der Natur der Tiere, dem Menschen auszuweichen, wann immer es möglich ist. Weder Schlangen noch Skorpione oder sonstwelches Viehzeug greift grundlos an. Dies sollte man beherzigen, dann sind Sandalen an den Füssen auch für den Touristen, der vorausschauend auf seine Tritte achtet, kein Problem. Und von der Grösse sollte man sich nicht täuschen lassen: Fast jedes noch so unscheinbare Geschöpf der afrikanischen Tierwelt ist im Zweifel flinker als du – daher ist es ratsam, schneller rennen zu können als der langsamste deiner Mitreisenden.

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Campen ist im ganzen Land problemlos möglich, und das auch ohne Zäune oder Stacheldraht. Warum? Auch für die gefährlichste Raubkatze ist das Zelt einfach nur ein uninteressanter Steinhaufen, und ohne besonderen Grund wird kein Tier diese Zone betreten. Besondere Gründe wären beispielsweise die Lagerung von Nahrungsmitteln; dass man keine fleischigen Überreste des Abendessens hortet, versteht sich von selbst, aber ebenso sollten Früchte, insbesondere Zitrusartige vor dem Zelt bleiben, denn ein Elefant neben dem Bett verdirbt einem garantiert die Nachtruhe. Darüber hinaus ist die Verpflegung so gut und reichlich, dass man erst gar nicht in die Versuchung kommt, Essen im Zelt zu deponieren.

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Namibia ist hinter der Mongolei das bevölkerungsärmste Land der Erde; die Chance, einem kapitalem Verbrechen zum Opfer zu fallen ist vergleichsweise sehr gering. Trotzdem gelten auch hier die Vorsichtsmassnahmen, die für alle Länder gelten, in denen Armut und Reichtum eng beieinander leben: Lächele, aber sei auf der Hut. Namibia war und ist das Land mit den weltweit größten Einkommensunterschieden. Die vor der Plautze baumelnde digicam ist eben so kontraproduktiv wie die lässig über der Schulter hängende Luxustasche. Beherzigt man dies, wird ein Aufenthalt in Namibia zu einem unvergesslichen Erlebnis werden; vor allem, wenn man ‚back to basic‘ unterwegs ist. Und die comfortzone nature hat noch weit mehr zu bieten als abendliche Lagerfeuerromantik.

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Wer mit dem Zelt reist, weiss, worauf er sich einlässt. Der Umstand, dabei mit einer Gruppe unterwegs zu sein, fordert ein Mindestmass an Teamgeist und Mithilfe bei den alltäglichen Dingen des Campingalltags. Die Guides sind auf tatkräftige, helfende Hände angewiesen, sei es beim Aufbau des Camps oder bei der Zubereitung der Mahlzeiten. Die Jungs geben sich alle Mühe, den Gästen die Tour so angenehm wie nur irgend möglich zu machen, aber sie haben nur vier Arme. Täglich muss das Fahrzeug be- und entladen werden – vor allem die schweren Zelte auf dem Dach zu verstauen bringt die Wilddogs manchmal an ihre Grenzen.

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Geschlafen wird in einfachen, stabilen Zelten, die ganz easy und schnell auf- und abzubauen sind. Hier gilt in besonderem Maß der Blick auf das bereits erwähnte krabbelnde Viehzeug: Vorsicht, wohin man greift, wohin man tritt und wohin man sich setzt oder legt! Die Schuhe gehören in’s Zelt und nicht davor, und man sollte sie sicherheitshalber vor dem Anziehen ausschütteln. Gerade Skorpione nutzen nachts gerne die Gelegenheit, sich ein warmes Schlafplätzchen zu suchen. und so sollte man am Morgen auch beim Zusammenlegen der Zeltplane darauf achten, keinen dieser giftigen Gesellen versehentlich mit einzupacken. Darüber hinaus ist ein offenes Zelt eine Einladung für alle Vier- und Vielbeiner und daher ein no-go. Sollte man wirklich den abendlichen Blick auf den Sternenhimmel ohne störende Zeltbahn geniessen wollen, findet sich meist ein Platz auf dem Safari-Truck, wo man vor Übergriffen nächtlicher Räuber sicher ist. Ein Moskitonetz hilft, auch die kleinen Jäger abzuhalten.

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Die Campingplätze sind mit allem Notwendigen und meistens auch mit dem Luxus eines Pools ausgestattet, nur darf man hier keinen europäischen Standard erwarten. Dafür liegen sie landschaftlich überaus reizvoll. Die Naturnähe darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Camps nicht eingezäunt sind. Der Mensch steht zwar nicht auf dem Speisezettel der einheimischen Fauna, trotzdem ist davon abzuraten, nachts unnötige Spaziergänge in die Umgebung zu unternehmen.

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Listen to your Guide! Deinem Führer kannst und solltest du blind vertrauen. Er sieht garantiert mehr als du und teilt sein Wissen gerne mit dir. Wer eine Campingtour im südlichen Afrika unternimmt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass man den europäischen Standard hinter sich lässt, im Gegenzug aber mit Eindrücken belohnt wird, die weit über Naturschönheiten, Artenreichtum und kulturellen Begegnungen hinausgehen. Es ist das das besondere Gefühl, das sich einstellt, wenn man eine Reise direkt aus der Quelle schöpft.

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Danke ‚wilddogs‘! Ihr seid Profis! Ihr seid Wildhunde – eben die besten Spürnasen, in deren Hände ich mich jederzeit wieder begeben würde.