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Musica prohibida

Eine Liebeserklärung.

Sie sind zu sechst, und sie tauchen meist immer erst dann auf, wenn die meisten Gäste ihr Abendessen bereits beendet haben. Mit schlurfendem Gang bugsieren sie ihre Instrumente durch die Enge des kleinen Restaurants im Herzen von Havanna Vieja. Hier hin verirrt sich kaum ein Tourist; die Speisekarte beschränkt sich auf eine Handvoll einfacher Mahlzeiten und auch die spröde Aussenfassade verrät nichts über den Charme des offenen und mit unzähligen Rankblumen bepflanzten Innenhofes. Vielen Einheimische nutzen diesen Ort gerne, um bei Musik und einer Flasche Rum ihren Alltag für einen kurzen Augenblick vergessen zu können. Die wenigen Touristen, die nach hier gefunden haben, nippen gedankenversunken an ihrem Mojito oder diskutieren im Laufe zahlloser Gläser Cuba libre über ihre Eindrücke des vergangenen Tages.

Scheinbar unbemerkt haben die Musiker mittlerweile auf der kleinen Empore Platz genommen. Jeder von ihnen ist jetzt vollauf beschäftigt: Der Contrabassista wischt den Strassenstaub von seinem Instrument und der Congaspieler trommelt leise eine Melodie auf seiner mit Rinderhaut bespannten Standtrommel. Aus zerbeulten Behältern kommen Instrumente zum Vorschein, die schon seit Jahrzehnten in Familienbesitz zu sein scheinen: eine abgegriffene Querflöte und die Tres, ein der Gitarre ähnliches kubanisches Saiteninstrument. Die Maracas – Rumbakugeln, deren Korpus noch aus Kürbissen besteht und deren Klang an das durchdringende Prasseln springender Kieselsteine erinnert. Und schliesslich zwei aus hartem und wohlklingendem Holz hergestellte Zylinder, die Claves. Man spielt sie, indem man einen Zylinder auf den anderen schlägt – scheinbar einfach, doch legen sie den Grundrhythmus der Musik fest und verlangen von ihrem Spieler ein hohes Mass an Rhythmus- und Taktgefühl.

Sie alle haben ihre Jugendzeit bereits lange hinter sich. Der älteste unter ihnen zählt mittlerweile fast achtzig Jahre, doch die von der Gicht gezeichneten Hände halten die Claves noch so sicher und fest wie damals. Ein waches Lächeln huscht aus dem von der Sonne zerfurchten Gesicht, ein Funkeln in seinen Augen, als der Kellner eine Flasche ‚Havanna Club‘ auf den kleinen Hocker neben der Bühne stellt. Es wird still an den Tischen, als die ersten melodischen Schläge der Claves in den Raum gleiten, bevor Tres, Bongos, Conga und Bass ihrem hölzernen Gesang folgen. Ein kurzer Applaus von der touristischen Minderheit – ja, den ‘Chan Chan‘ kennen und lieben sie alle. „El cariño que te tengo no te lo puedo negar“ – Die Zuneigung, die ich zu dir habe, kann ich nicht verneinen. Wie die meisten cubanischen Lieder spricht auch er von der immerwährenden Sehnsucht und Hoffnung nach Liebe. Die Interpretation ist nicht ganz werkgetreu. Die Bongos holpern, die Gitarre schrammelt und die Solostimme, ganz hinten aus der Kehle gequetscht, fällt ein wie ein fideler Trinkbruder. Das ist Son in seinem Ursprung. Musik, die sich selbst reflektiert, auseinander nimmt und neu zusammensetzt. Klänge, die Wunden und Verletzungen zeigen, dann wiederum schelmisch, gut gelaunt und stets mit einer Flasche Rum unter dem Arm unterwegs sind auf der Suche nach den schönen Dingen des Lebens.

Lange Zeit war der Son, der sich aus Elementen der afrikanischen Musik und spanischem Liedgut Ende des 19. Jahrhunderts formte, als Musik der unteren Volksschichten verachtet und zeitweise sogar verboten, bis er schliesslich in den zwanziger Jahren mit populären Gruppen wie dem Sexteto Nacional und dem Sexteto Habanero seinen endgültigen Durchbruch erlebte. Zu weltweiter Bekanntheit gelangte er jedoch erst durch Compay Segundo, dem grossen Gitarristen und Sänger des ‚Buena Vista Social Clubs‘.

Der ‚Buena Vista Social Club‘ hat mit grossem Erfolg einen fast schon vergessenen Cocktail wieder neu gemixt und in die westliche Welt geschüttet. Und für diesen Erfolg gibt es natürliche Erklärungen. Der biographische Autor des BVSC Thomas Mießgang schreibt dazu: „Es wurde eine Gruppe von Hörern erreicht, die die Industrie als ‚Sleeper‘ definiert: Menschen über 30, gebildet, einkommensstark, potenziell an Musik interessiert, aber von der Fülle ständig wechselnder neuer Namen und Stile überfordert. Diese Schläfer sind aufgewacht und lassen sich von dem hochprozentigen Cocktail aus tropischem Sozialismus, undomestizierter Lebensgier und tränenseeliger Nostalgie nach einer Welt von gestern berauschen.“

„Ja, ich habe Compay ein paar Mal getroffen und wir haben auch zusammen Musik gemacht, aber das ist schon lange her.“ Der Alte schüttet sich noch einen Rum ein – wie in jeder kurzen Pause, die sich das Sexteto nach drei bis vier Liedern gönnt. „Damals waren wir noch jung und haben nächtelang Rum getrunken, Zigarren geraucht, gespielt und gesungen. Der ’sabor‘ war allgegenwärtig.“

Zum ersten Mal treffe ich auf dieses Wort: sabor. Mit ‚Geschmack‘ ist es nur unzureichend übersetzt. Sabor ist ein Schlüsselbegriff der kubanischen Musik und meint viel mehr: die Würze des Klanges, die Erotik eines verzögerten Trommelschlages, die Reibungshitze zwischen den Instrumenten, die Trance, wenn die Musik beginnt, die Musiker zu spielen. „Ohne den sabor kannst du die Musik vergessen, den Tanz, den Sex – einfach alles.“

Ja, vom weltweiten Ruhm des ‚Buena Vista Social Clubs‘ hat er gehört. Aber nicht viel. Was zählt schon Weltruhm in einer Stadt, die 24 Stunden mit sich selbst beschäftigt ist, ihre Wunden leckt, ihre Leiden pflegt und ihre Exzesse auskostet? Der Alte hebt sich von seinem Hocker und schlurft zurück auf die Bühne. Mittlerweile sind die meisten Touristen in ihre Hotels zurückgekehrt oder auf der Suche nach anderen Vergnügungen weitergezogen. Nur noch wenige Tische, um die sich einige Einheimische gruppiert haben. Einige, die gespannt und andächtig auf die nicht enden wollenden Zugaben des kleinen Orchesters warten; andere, die besoffen über ihrem Barhocker zusammengesunken sind oder in ihr halbleeres Rumglas starren. Sie sind wie die Stadt selbst – immer eine Spur zu heftig, zu unkontrolliert, zu risikofreudig. Es ist der Wesenskern des Kubanischen, hat der grosse kubanische Autor Lézama Lima einmal geschrieben, eine bereits gewonnene Partie ständig von neuem aufs Spiel zu setzen.

Noch einmal schlagen die Claves zum letzten Gebet:
‚Lagrimas negras‘ – schwarze Tränen. Die Saiten der Tres singen von Wehmut und Sehnsucht und verkünden ein letztes Mal an diesem Abend den sabor… dieses schwer definierbare Gefühl, das sich einstellt, wenn man Musik direkt aus der Quelle schöpft.

Dann ist Stille.

* * *

Cuba libre

Abends, wenn flackerndes Neonlicht die Hitze des Tages endlich erlöst, wird es langsam voll in den Strassen Havannas. Menschen von irgendwo her nach irgendwo hin – Menschen unterschiedlichster Hautfarben und Herkünfte, die im Schatten der Häuserzeilen ihren Weg nehmen. Kann sich Havanna auch in der Grösse mit anderen Metropolen der Welt nicht messen, so übt die Hauptstadt Cubas jedoch jene Faszination aus, die so manch einer auf seiner Suche nach dem Geheimnisvollen und Ursprünglichen zu finden hofft.

Hier scheint die Zeit einen jahrzehntelangen Stillstand erlebt zu haben. Die wenigen Autos, die auf den Strassen unterwegs sind, stammen oft noch aus der Geburtszeit der Revolution und werden von ihren Besitzern mit viel Mühe und Improvisation am Leben erhalten. Zuckerrohrpressen aus alter Zeit zerquetschen noch heute wie vor hundert Jahren die langen Rohrstangen zu einem schmackhaften, aber sehr süssen Saft und an manchen Häuserfassaden findet man noch heute die Einschusslöcher aus revolutionären Zeiten.

Auf dem ‚Malecon‘, der Hafenpromenade der Stadt, schlendern die ersten Pärchen, bevor sie sich irgendwo auf der Kaimauer niederlassen und ineinander versinken. Die ‚calle obispo‘ im Zentrum ist jetzt auch hoffnungslos überfüllt. Musiker, die ihre Instrumente in die nächste Bar tragen, vom Rum angetrunkene Jugendliche, alte Männer, die an wackligen Holztischen in ihr Dominospiel vertieft sind und Touristen auf der Suche nach einer Bar, einem Restaurant oder nach Liebe. Und die ‚jineteras’… Mädchen und junge Frauen, die bereit sind, für ein kleines Stück Wohlstand sich selbst zu opfern.

Und es sind nicht wenige, die trotz der wachenden Argusaugen der Polizei versuchen, westlichen Touristen ihre Dienste unmissverständlich nahezubringen. Viele davon sind noch minderjährig. ‚Über zwanzig gehörst du zum alten Eisen und niemand mehr will dich‘, wie mir eine von ihnen erklärte. Und weiter: ‚Wenn du jung und clever bist, verdienst du an einem Abend mehr als ein Universitätsprofessor in einem halben Jahr.‘ Und die Konkurrenz ist gross. Auf Cuba verhält es sich mit den Frauen wie mit Gorgonenhäuptern: Wo eine abhanden kommt, wachsen sofort zehn nach.

Wartende Menschen stehen vor den staatlichen Lebensmittelmärkten, den ‚bodegas‘, und nebenan kann man durch’s offene Fenster einem Zahnarzt bei seiner Arbeit zuschauen. Gerade mal den Gegenwert von ungefähr zehn bis fünfzehn Euro verdient ein Cubaner im Durchschnitt monatlich – ergänzt durch die ‚libreta‘, ein Lebensmittelbüchlein, das zum Kauf im Staatsladen berechtigt und ein Überleben für rund zwei Wochen ermöglicht. Jeder hier, ob der Bettler von der Strasse oder der Hotelier hat ein Recht auf Gesundheitsfürsorge – von der einfachen Zahnbehandlung bis hin zur Nierenverpflanzung. Das Bildungssystem vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss kann ebenso kostenlos genutzt werden; der grösste Teil der Schüler und Studenten wird zudem in Internaten kostenlos verpflegt. Die meisten Kubaner leben in Wohnungen, die der Staat kostenlos zur Verfügung stellt, die Ausgaben für Gas, Wasser und Strom sind sehr gering und Müllabfuhr sowie Rundfunk- und Fernsehempfang sind kostenlos. Wer kein Zusatzeinkommen hat, zahlt keine Steuern, erhält aber Arbeitslosenunterstützung, falls er seinen Job verliert. Der Aufenthalt im Altenheim ist ebenso kostenlos wie der Tod.

„Damit der Mensch seine materiellen Bedürfnisse befriedigen kann, ist es nicht nötig, seine Freiheiten zu opfern.“

Fidel Castros Worte – ein Hohn für diejenigen, die sich selbst als Beute in einem ohnehin schon gebeutelten Land sehen. Der wachsende Tourismus der vergangenen Jahre hat das Wohlstandsdenken in der Bevölkerung stark ansteigen lassen, und wer clever war, konnte in seinem Schatten Geschäfte machen. Als das tatsächlich auch zu funktionieren schien, erfand der Staat ein Gegengift, das die Cubaner bis dahin nicht einmal dem Namen her kannten: die Steuer. Und seitdem zerplatzten viele Träume von einem bescheidenen Wohlstand wieder wie Seifenblasen.

Doch der bewährte Überlebenswille rettete die Cubaner auch diesmal vor der enttäuschten Resignation. Während ihre Stadt langsam aufblüht, halten sie durch. In der Unschuld des Sozialismus dauert das meiste halt nur ein wenig länger und auch die Rumkneipe um die Ecke, wo der Doppelte zweieinhalb Peso kostet, wird irgendwann renoviert werden.

Fidel Castro lebt und mit ihm die Ideologie einer ganzen Generation. Bleibt nur zu hoffen, dass die Revolution ihre Früchte trägt und Vorreiter war für ein neues Cuba: Ein ‚vernünftiger‘ Kapitalismus mit stark sozialer Tendenz.

Viva la Revolución…