Archiv der Kategorie: Spurensuche

Wintermärchen

Wenn die Schneeflocken im Januar endlich ihren Weg in die Mittelgebirge des Landes gefunden haben und die Wettervorhersage ein üppiges Hochdruckgebiet ankündigt, ist die Zeit günstig, ein ausgiebiges Winterwochenende in der Eifel zu verbringen. In den Hotels und Pensionen ist reichlich Platz, und viele Gastwirte locken mit attraktiven Winterspecials. Im Herzen der Vulkaneifel kommt der Wintersportler allerdings nur bedingt auf seine Kosten, vor allem dann, wenn er seine Aktivitäten auf Skiern gestalten will: Hänge und Pisten sucht man vergeblich und auch Loipen für die Langläufer werden hier nicht gespurt. Dafür findet Jung und Alt fast überall einen kleinen Berg zum Rodeln, aber vor allem kann sich hier der Naturliebhaber auf Schusters Rappen mal so richtig austoben.

Die Eifel – hier ist der Wanderer König, denn hunderte Kilometer Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeitsgerade ziehen sich durch die Landschaft, und da ist für jeden etwas dabei. Auf den beliebten Pfaden wie der Eifelsteig kann man sicher sein, dass man gut ausgeschildert sein geplantes Ziel erreicht, und meist ist hier auch schon jemand gelaufen, der zumindest einen schmalen Trampelpfad in den tiefen Schnee gebahnt hat. Anders als in manch anderen Gebieten werden in der Vulkaneifel keine Wanderwege vom Schnee geräumt, so dass man sich oftmals seinen eigenen Winterwandertraumpfad selbst erarbeiten muss. Es ist allerdings ein ganz besonderes Erlebnis, die frische eingeschneite Natur sozusagen als Mann (oder Frau) der ersten Stunde neu entdecken zu dürfen.

Die goldenen Eifel-Wanderregeln gelten übrigens auch für den Winter, also nicht ohne Wanderkarte losgehen; auch, wenn der Weg angeblich nummeriert und ausgeschildert ist. Seit alle Welt nur noch den Eifelsteig läuft, habe ich es zu oft erlebt, dass regionale Wanderwege nicht mehr gepflegt werden und nach wenigen Jahren verfallen sind. Verrottete, abgefallene oder entwendete Wegzeichen sind nicht die Ausnahme, und schon steht man an einer Gabelung und weiß nicht mehr weiter. Ich nehme meist zusätzlich noch ein GPS-Handgerät mit und im Winter zusätzlich eine Taschenlampe, denn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen habe ich mich in den unwegsamen Wäldern rund um Gerolstein schon verlaufen.

Seit vielen Jahrzehnten bin ich immer wieder gerne Gast im Hotel Haus Huschens in Gerolstein-Michelbach. Die heutige Besitzerin kümmert sich nach wie vor liebevoll um ihre Gäste, so wie es auch ihre Eltern taten, als ich zusammen mit meiner Großmutter vor langer Zeit meinen ersten Urlaub dort verbrachte.

Auch im Winter bietet sich hier die Gelegenheit, die waldreiche Umgebung auf einem der zahlreichen Wanderwege zu erkunden und sich anschließend von den bodenständig köstlichen Gaumenfreuden verwöhnen zu lassen. Darüber hinaus besitzt das Haus eine kleine Sauna, in der man sich nach einer winterlichen Wandertour erst einmal richtig aufwärmen kann.

Auch wenn in den vergangenen Jahren zahlreiche Hotels und Gasthäuser schließen mussten, findet sich nach wie vor eine beachtliche Auswahl an Unterkünften, die sich für ein entspannt-aktives Wochenende anbieten. Naturnah im Herzen der Vulkaneifel in Weidenbach liegt das Hotel Pappelhof. In der warmen Jahreszeit als biker-treff beliebt, trifft man im Winter auf nur wenige Gäste, die in der Abgeschiedenheit der Vulkaneifel Ruhe und Erholung suchen oder in den umliegenden Wäldern Hirsch, Reh und Wildschwein auflauern.

Direkt von der Tür startet man zu einer kleinen Winterwanderung zur nahegelegenen Binsenmühle entlang des Flüsschens Salm, und natürlich sind auch größere Touren in die waldreiche Umgebung möglich.

Abends verwöhnt das Haus mit frischer, regionaler Küche, wobei auch Wildgerichte aus der Region geschlemmt werden können. Eine Sauna mit Außenanlage ist in Planung und soll im Laufe des Jahres 2017 fertig gestellt werden.

Die Eifel – oft grau, rauh und unwirklich, präsentiert sich heute von ihrer freundlichsten Seite. Dem Zauber der Landschaft auf der Spur führt mich der Weg vom nahe gelegenen Örtchen Neroth entlang der Kleinen Kyll bis Oberstadtfeld, von wo aus ein kurzer Aufstieg entlang des Winkelbaches mit einer prächtigen Fernsicht belohnt wird.

Es ist ein „kalter und doch mit Glanz angefüllter Wintersonnentag“ und er geht „wie ein schöner, leuchtender Cherub“ durch die Stille meiner Erinnerungen.

So erlebte der Eifeldichter Heinrich Ruland den Winter in der Eifel.

„Ein paar Schritte noch das enge Felsental hinaus, und die ganze Winterwunderwelt mit all ihrem Zauber, all ihrem Glanz und ihrer funkelnden Pracht lag vor mir. Hohe Tannen schlössen sie ein, hoben sich höher und höher, bildeten zackige Kämme, auf allen Ästen breite Streifen des flockigsten Schnees tragend. Ein leises Stäuben und ewiges Rieseln sickerte in die Stille, sonst kein Laut, kein Ton. Goldene Sonnenstrahlen tasteten an den Stämmen hin, legten sich prunkvoll wie ein Königsteppich über den marmorweißen Boden, schienen den steilen Hang hinauf und ließen den buschigen Ast einer Wintereiche aufleuchten, als ob er brenne.“

Schönes, stilles Eifelland…

Cool for Cats

Katzen – geschmeidige Geschöpfe. Schmusetiger als gesellige, eigenwillige Begleiter des Menschen und vielleicht ihm auch charakterlich ähnlicher als angedacht. Katzen als highlight einer Afrikareise, und ich musste herzhaft lachen, als es zum wiederholten Male die Katzen waren, die vorrangig und einsam zum Höhepunkt des globetrottigen Ausfluges in die Wildnis mutierten.

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Katzen als Sinnbild für die Wildnis Afrikas – jene ursprüngliche Weite, die dem Leben Raum lässt. Die Wurzeln der Vorreiter sind tief spürbar, und wer erinnert sich nicht an die unsterblichen Augenblicke, die Grzimek & Co. vor vielen Jahrzehnten festhielten.

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Ich fand mich viele hundert Meilen südlicher wieder, als ich vor gar nicht langer Zeit ein Projekt besuchen durfte, das nicht nur die Sehnsucht nach dem afrikanischen Traum befriedigt, sondern auch dessen Schattenseiten aufzeigt. Africat – ein Fest für Katzen, und vor allem für solche, die in der freien Wildnis keine Chance haben. Die Problematik liegt auf der Hand: Nutzvieh versus wildness – selbst hier in den scheinbar unendlichen Weiten konfrontiert sich die Problematik zwischen Farmleben und wildlife immer wieder auf’s Neue.

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In aller Frühe sind wir in Windhoek losgefahren – vorbei an zahlreichen Farmen in einer ansonsten monotonen Landschaft auf dem Weg in den Norden des Landes. Inmitten des Okonjima Nature Reserve schlugen wir unser Lager auf. Sogar einen pool gab es zu meiner grossen Überraschung, der mir nach vielen Stunden staubiger Fahrt eine willkommene Abkühlung bescherte.

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Auf einer Gesamtfläche von 20.000 Hektar leben hier Leoparden, Löwen und Geparde. Allerdings ist dies kein zoologischer Garten – die Tiere wurden nicht freiwillig aus der Wildnis genommen und stammen ausnahmslos aus dem ewigen Konflikt zwischen Tier und Mensch. Verwaiste, verletzte und sonstwie hilflose Großkatzen werden hier auf ihr zukünftiges Leben in freier Wildbahn so gut wie es irgendwie geht vorbereitet, und immerhin liegt die Auswilderungsquote bei annähernd 90 Prozent.

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Africat bietet Essen, Pflege und ein Zuhause auch für die wenigen, die sich nicht mehr in die Wildnis Namibias reimportieren lassen. In permanenter Zusammenarbeit mit Forschern, Wissenschaftlern und Umweltbehören spricht Africat nicht nur den neugierigen Touristen an, sondern leistet auch Lehrarbeit für die Jugend des Landes. Hier geht es um weit mehr als nur die Präsentation von Raubkatzen – ein gut ausgebildetes Team vermittelt während der Tour ein attraktives Gesamtpaket aufschlussreicher Hintergrundinformationen rund um Mensch und Natur.

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Hier ist Aufklärung gefragt – ökologische Programme charakterisieren nicht nur ein grösseres Verständnis für die Umwelt und die Wichtigkeit der Erhaltung bedrohter Tierarten, sondern sorgen auch für ein ungetrübtes Miteinander zwischen den Bedürfnissen von Mensch und Tier, das im Vordergrund steht. So werden die Viehfarmer durch umfangreiche Rettungs-, Befreiungs- und Umsiedlungsprogramme unterstützt, um die Schäden durch Eindringen der Raubtiere so gering wie möglich zu halten

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Endlose Weiten, in denen sich scheinbar das Paradies ‚wildlife‘ offenbart, aber auch hier ist das Zusammentreffen von Mensch und Tier allgegenwärtig, das den Einsatz von Africat auf kommerzieller Ebene nötig macht. Ein afrikanischer Tag geht zu Ende und noch lange hallen die heutigen Eindrücke tief und beeindruckt in mir wieder.

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Africat – Katzen im Visier. Wo sonst beschreitet man den Kompromiss so geschickt, ideenreich und harmonisch wie hier?

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Antike unter Strom

Denkt man an Rom und seine Museen, fallen einem unweigerlich jene berühmten Sammlungen ein, die im Vatikan, in der Villa Borghese oder auf dem Kapitol zu bewundern sind. Tausende Menschen drängen sich täglich durch die Säle, Räume und Galerien, vorbei an antiken Schätzen, namhaften Meistern und himmlischen Pretiosen. Pausenlos belagert und totfotografiert verlieren sich die Werke der Ausnahmekünstler und Genies im Massenstrom der Besucher. 3000 Jahre Geschichte der Ewigen Stadt zusammengepfercht in Foyers, Fluren und Museumsklausen – Raffael und Bernini im Ausverkauf.

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Das es auch anders geht, beweist ein Museum, das eigentlich nur als Zwischenlösung angedacht war.  Umfangreiche Baumassnahmen im Konservatorenpalast auf dem Palatin im Jahre 1997 machten eine Auslagerung von großen Teilen der Sammlung nötig. Man entschied sich für das ehemalige Elektrizitätswerk Montemartini als zunächst vorübergehende Bleibe. Als nach acht Jahren die Bauarbeiten endlich abgeschlossen waren, beschloss man, die antiken Kostbarkeiten im Kraftwerk zu belassen – sozusagen als Aussenstelle der Kapitolinischen Museen.

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Das Museo Centrale Montemartini – die schönste Filiale der Welt. Hier findet man keinen Michelangelo, keinen Borromini und keinen Valadier und auch kein harziger Duft von Gemäldefirnis dringt in die Nase des Besuchers. Hier riecht es nach Altöl.

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Apollo Sosianus meets Franco Tosi – solcherlei Begegnungen des Gegensätzlichen schickt den Staunenden auf eine Zeitreise mit Quantensprungcharakter. Während im Vordergrund blütenweisser Marmor in Jahrtausenden rechnet, zählt sein Schatten gerade mal gute einhundert Jahre. Denn die grobschlächtigen Dieselmotoren, Kesselanlagen und Dampfturbinen stammen aus dem beginnenden 19. Jahrhundert und stehen scheinbar im Widerspruch mit den zarten und hochbejahrten Juwelen.

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Wie kostbar dieser Kontrast doch ist. Antike Kunst und moderne Industriearchitektur profitieren gleichermaßen voneinander. Ursprünglich war die monströse Maschinerie bereits demontiert, bis sich die städtische Elektrizitätsgesellschaft ACEA entschloss, den bereits im Verfall befindlichen Komplex zu restaurieren. So erfuhren Kesselhaus und Maschinensaal ihre Wiedergeburt als industriegeschichtliches Erbe der Stadt Rom.

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Schon in den Vorräumen präsentiert sich ein munteres Essemble kultureller Vielfalt vor dezent kolorierter Kulisse – erdiges Ockergelb rückt kleines und alltägliches in den Vordergrund und die effektvolle Beleuchtung sorgt obendrein dafür, dass sich so manche Nebensächlichkeit bei näherer Betrachtung in einen Knalleffekt extraiert.

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Schon hier verspürt man den innigen Wunsch, näher zu rücken und tiefer in die Geschichte einzutauchen, die hier zum Greifen nahe liegt. Immer wieder melodische Namen herausragender Gestalten, aber auch abseits dieser bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens findet man solche, die ihre Fäden im Hintergrund gezogen haben, so wie die Büste des Marcus Vipsanius Agrippa, der beste Freund und Schwiegersohn des Augustus. Und nicht zuletzt jene unbekannten und vergessenen Helden, die ihre Geschichten ausplaudern möchten. Politik, Alltag, Leben und Sterben – allgegenwärtige Augenblicke römischer Kultur.

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Imposante Fenster lassen ein wohliges, natürliches Licht in die riesige Maschinenhalle fallen und taucht die Exponate in lebendige Mystik. Ja, es scheint fast so, als wollten die alten Skulpturen aufstehen und umhergehen und aus ihrem Leben erzählen. Und wer würde da nicht gerne zuhören?

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Eine ansehnliche Sammlung römischer Portraits – wichtige Kaiser, unsterbliche Helden und namenlose Schönheiten; sie alle geben dem Ambiente Gesicht.

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Die Toga des einfachen Mannes hängt hier gleich neben des Kaisers goldenem Lorbeer, und unter dem Dach Jupiters ruht sich der Diskuswerfer von seinem Wettkampf aus.

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Götterdämmerung im Scheinwerferlicht, und wer hier den ein oder anderen schmerzlich vermisst, wird dafür auf andere Art und Weise entschädigt. Auch wenn die Sammlung keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit stellt, überrascht sie immer wieder mit anspruchsvollen Details, seltenen Portraits und historischen Momentaufnahmen. Und wer sich in der Vordergrund drängelt, wird rasch auf seinen Platz verwiesen.

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So war das auch damals schon, und viele mussten schmerzlich erfahren, dass der in die Wiege gelegte Lorbeer nicht nur verteidigt, sondern ebenfalls verdient werden musste. Auf Dauer halfen auch die prächtigsten Marmorbüsten, an denen wir uns hier erfreuen, nichts. Das Scheusal Caracalla schaut sicher nicht ohne Grund mit ernster und wohl ein wenig neidischer Mine auf seinen grossen Vater Septimius Severus, und viele Jahre später war es der Araber Philippus, der sich behaupten musste. Jedenfalls die Augen seiner Frau Otacilia Severa verbergen geschickt den Stolz einer Augusta. Aber zuvor spricht Mars sein Machtwort über die Lebenden und Sterblichen, und – bei den Göttern, es wäre unklug, nicht einen Moment zuzuhören…

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Detailarbeit im Rhythmus des alltäglichen Lebens – so präsentiert sich selbst die Zimmermannskunst der Antike plastisch und verständlich in handwerklicher Virtuosität.

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Im Kesselhaus kniet Niobe’s Sohn, den tödlichen Pfeil erwartend, und wer fiebert hier nicht mit? Eine fast unerträgliche Spannung liegt in dieser Szene und auch, wenn wir den Ausgang kennen, hoffen wir ganz insgeheim auf ein happy end.

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Aber auch hier geht es nicht nur göttlich zu – die junge Lucilla neben dem unbekannten, klugen Strategen aus der umfangreichen Sammlung des Fulvius Plautianus – jener Prätorianerpräfekt, der seinen Griff nach der Kaiserkrone mit dem Leben bezahlte.  Und schon befindet man sich wieder mitten im Leben der antiken Realität, das uns zumindest ein kleines Zeitfenster zu den unsterblichen Helden, strategischen Genies, fanatischen Herrschern und alltäglichen Charaktern öffnet, und sei es nur für einen Augenblick.

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Ein Augenblick der Stille: Der geschundene Körper des Marsyas, dem die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wurde als grausame Strafe für den Sterblichen, der sich zum Gott erheben wollte – nur ein Mythos, aber auch eine illustratorische Metapher der Selbstüberschätzung, die nachdenklich macht.

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Die Schöne und das Biest oder der Kitzel des großen Unterschieds zwischen Satyr und Nymphe, die trotz unausgewogener Schönheitsverhältnisse und scheinheiliger Abwehrstellung zu sexueller Vereinigung fanden – erotische Szenarien, die sich auch in den Statuen des Pothos aus hadrianischer Zeit enthüllen und dem Betrachter eine schmackhafte Pikanterie archaischer Geilheit offenbart.

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Neben den kurzweiligen Abdrücken findet sich aber auch Herausragendes. Solches, was man länger bestaunen und aus allen Perspektiven entdecken möchte. So entführt die Muse in ihre eigene, besondere Welt, und auch, wenn die Papyrusrolle ihren Namen nicht verrät, scheint ihr gedankenverlorener Blick gerade so, als hätte sie ihn selbst vergessen.

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Salopp hingegen schlägt die unbekannte Schönheit ihre Beine übereinander. Die personifizierte Anmut – lässig unschuldig nicht nur ihre Körperhaltung, sondern auch die raffiniert auf dem Haupt verknotete Frisur. Ein Leckerbissen.

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Wenn der Rheinländer von einem „lecker Mädche“ spricht, meint er gemeinhin ein rundum attraktives weibliches Wesen. Nun, jene Kaiserin, auf die diese Beschreibung ohne weiteres zutrifft, feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag und wo sonst könnte sie dieses Fest würdevoller begehen als in ihrer Heimatstadt Köln. Agrippina, die ihren eigenen Onkel heiratete und aus ihrem Schoss einen Tyrannen gebar – eine Statue aus schwarzem Basanit, deren einzigartige, fast schon spirituelle Erhabenheit die dunklen Seiten der Macht in allen Details umschreibt. Und wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, kann man sich von ihrer magischen Anziehungskraft hier selbst überzeugen.

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Ganz großes Kino: Eine Kulisse in blau, grün und ocker, die den Akteuren genügend Spielraum zur vollen Entfaltung lässt. Die Hauptdarsteller ihrer Zeit inszenieren sich blütenweiss auf intimem Podium und entführen den Zuschauer in die Welt der Komödien, Dramen und Episoden erregender Epochen.

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Antike unter Strom, und elektrisiert verlässt man diesen Ort. Sicher, es gibt berühmtere Sammlungen, wichtigere Statuen und bestimmt auch bedeutendere Spuren der römischen Antike. Aber nirgends so spannend wie hier.

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Eilandkeuken

Wer Texel bereist hat, weiss vielleicht, dass die kleine niederländische Watteninsel nicht nur ein Kleinod für Ruhesuchende und radelnde Individualisten ist, sondern auch dem gaumenverwöhnten Feinschmecker ein Mekka voller kreativer Genüsse bietet. Nachdem ich doch einige Zeit auf Texel verbracht habe, erlaube ich mir eine kleine kulinarische Reise quer über die Insel, die nicht nur mit ihren berühmten Pannekoeken aufwartet, sondern auch ihre ganz besondere Inselküche präsentiert – eben die Eilandkeuken.

 

Het Schoutenhuys

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Für mich die unangefochtene Nummer eins; insbesondere deswegen, weil das Lokal dem Besucher die Qual der Wahl abnimmt. Hier gibt’s nämlich keine Speisenkarte, sondern nur ein Gericht, oder besser: Gerichtlein, denn ausser den ‚gerechies‘, die dort serviert werden, gibt’s nicht anderes. Einzig und einzigartig, denn für knappe dreissig Euro wandelt man durch einen kulinarischen Tempel der Inselküche mit verschiedensten texeltypischen ‚Tapas‘, denn ‚gerechies‘ bedeutet nichts anderes als kleine Happen, die im Schoutenhuys in vielen Gängen serviert werden – Slowfood vom feinsten. Die aufmerksamen und kompetenten Kellner ergänzen das kreative Kulinarium freundlich, ehrlich und zurückhaltend. So sollte es sein – eine Inselküche, die nicht nur Freude, sondern auch satt macht.

Aber auch geschichtlich wandert man auf einem höchst interessanten Pfad. Das Schoutenhuys war einst ein hoheitliches Amts- und Gerichtsgebäude; den Schouts oblagen nicht nur die gerichtlichen, sondern auch die steuerrechtlichen Belange der Stadt. Wen wundert es, dass die hoheitlichen Aufgaben damals schon mit einem besonders guten Mahl belohnt wurden? Fünf Sterne.

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Vincent Eilandkeuken

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Nicht nur Gaullt Millau bescheinigen Vincent & Miriam beste Kritiken – auch ich schliesse mich an. Nicht nur das Dinner im ‚Haupthaus‘, das heimelig versteckt im Grünen der Insel liegt, sondern auch der Salat mit Käse von glücklichen Inselschafen in der City Lounge haben mich überzeugt. Nur beste Zutaten, frisch auf den Tisch, garniert mit der Prise neuer Ideen, die die Insel unnachahmlich prägt. Allein hätte ich mir gewünscht, die Portionen hätten jenen Seemann gesättigt, der sturmumpeitscht den Weltmeeren trotzte. Viereinhalb Sterne.

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Catharinahoeve

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Was wäre Holland ohne seine Pannekoeken? Auf Texel fährt man nach Catharinahoeve, um die besten der Insel zu kosten. In den Sommermonaten lädt der Biergarten zu einer Pause ein, im Winter lümmelt man sich vor dem riesigen, offenen Kamin und vertreibt sich die Zeit, bis ein Tisch frei ist. Denn leider ist das Bauernhofrestaurant längst kein Geheimtipp mehr und gerade am Wochenende empfiehlt sich eine frühzeitige Reservierung. Wer dort keinen Pannekoeken probiert, ist selbst schuld. Viereinhalb Sterne.

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De Texelse Visspecialist

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 Auch wenn das Ambiente nur eine ’schnelle Mahlzeit‘ vermuten lässt, ist der Fischspezialist in Oudeschild noch immer Nummer eins für den leckersten und frischesten Fang aus dem Meer. Kein Wunder – denn im Hafen von Oudeschild laufen tagtäglich die Kutter ein. Egal ob Kibbeling oder Garnelen; der Liebhaber der Meeresküche kommt hier garantiert auf seine Kosten. Ungewohnt, aber nützlich sind die ‚Pieper‘, die Alarm schlagen, wenn die Bestellung zum Verzehr bereit liegt. Viereinhalb Sterne.

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De Texelse Chocolaterie

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Es ist wahrlich die Adresse für den wahren Schokoladenliebhaber – als Freund der erlesenen Kakaobohnen erlaube ich mir dies zu wissen. Zwar liegt die kleine Manufaktur versteckt im Gewerbegebiet bei Den Burgh, doch Lia und Nanne-Jan beweisen meisterlich, dass sich im Teamwork am besten die edlen Schokoladen mit den inseltypischen Zutaten zusammen führen lässt. Im Ergebnis vollendete Schokomagie mit hohem Suchtfaktor. Fünf Sterne.

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Wijngaard De Kroon

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Texel ist immer für Überraschungen gut und oft trifft man das an, was man nicht vermute hätte. Werdenkt schon, dass so hoch im Norden Europas Weinbau betrieben wird? Jan-Jaap Kroon, ein junger und ehrgeiziger Winzer beweist allerdings, dass selbst auf knappen drei Hektar sandigen Bodens Weine wachsen, die zwar nicht mit den grossen Gewächsen namhafter Güter mithalten können, dafür aber ihren eigenen, ganz besonderen Charme entwickeln und die Inselküche harmonisch ergänzen. Vier Sterne.

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 De Kroontjes

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Ein ehrliches Lokal mit hohem Wohlfühlfaktor am Rande von De Koog. Wenn auch die äusserliche Erscheinung eher unscheinbar daher kommt, sorgen Gerda und Ronald für ein Ambiente, das Auge und Magen gleichermassen zufrieden stellt. Texelse lam ist hier eben so zuhause wie ein belgischer Boeren Breugel und die hausgemachten Kroketten aus Waldpilzen mit Trüffelmayonaise beweisen, dass man sich nicht scheut, selbst einfachste Gerichte für den erlesenen Gaumen aufzufrischen. Vier Sterne.

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Paal 17

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Wer glaubt, dass sich die gastronomischen Ergüsse der Niederlanden ausschliesslich im Landesinneren befinden, wird im Strandpaviljoen Paal 17 eines besseren belehrt. Immer wieder gerne nutze ich die Gelegenheit, bei meinen langen Strandwanderungen dort eine kleine Pause einzulegen, aber auch nach Sonnenuntergang bleibt ein Dinner mit traumhaftem Meerblick ein Erlebnis der besonderen Art. Vier Sterne.

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Sjans

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Wenn auch die website ein wenig Ballermannfeeling versprüht – bei Sjans ist man immer an der richtigen Adresse. Jedenfalls dann, wenn man(n) Lust auf eine satte Portion Fleisch hat. Welcom bij Sjans – der Titel ist Programm. Inmitten des pulsierenden Insellebens auf der Dorpstraat in De Koog  isst man hier Steaks & Burger. Die Portionen sind nicht nur üppig, sondern punkten auch qualitativ. Vier Sterne.

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Texel Culinair

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Leider kann ich nächstes Jahr nicht mit dabei sein, wenn Texel seine Tore für die Feinschmecker öffnet: Texel Culinair. ein Event, dass jedes Jahr Anfang September stattfindet und die kleine Insel in kulinarischem Atem hält. Ein Festival der Genussmagie, ein Mekka für Gaumenfreudige, und das drei Tage lang. Drei Tage steht die kleine Watteninsel unter Strom – drei Tage des kulinarischen Wahnsinns, das nicht nur die Spiztenköche Texels an ihre Grenzen treibt. Immerhin gilt es, einen Preis abzuräumen. Geschmackssache – ich erfreue mich an den vielzähligen genialen Kreationen, süffel meinen Wein und freue mich auf’s nächste Mal. „Geweldig! Elk jaar kom ik speciaal voor Culinair.“ – so ein Kommentar. Dem ist nichts mehr hinzufügen…

Red Sails In The Sunset

Genau dieses Bild hatte ich vor Augen: Eine glutrote Düne, die sich in den stahlblauen Himmel schwingt. Im Vordergrund ein fast schwarzes Fragment, das dem farbigen Essemble seine kargen Äste gespenstisch entgegenstreckt. Dieses Bild hatte sich in mir eingebrannt, als ich vor vielen Jahren einige Fotos der Namibwüste in einem Reisekatalog entdeckte. Es war die unendliche Schönheit des Einfachen, eine geheimnisvolle Komposition aus Millionen Jahren Erdgeschichte und polychromer Entrückung.

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Die Landschaft präsentierte sich rau und manchmal unwirtlich, und nur vereinzelte ländliche Gemeinden passierten wir auf langen Fahrt, die uns vom kleinen Ort Aus im Süden, wo wir die letzten Tage verbracht hatten, wieder in die Landesmitte bringen sollte. Die Erosion ist in diesem Gebiet weit fortgeschritten. Das NamibRand Nature Reserve – abgerundete Hügel, trockenes Gelände und ‚gefoltertes Gestein‘. Das flächenmässig grösste Naturschutzgebiet des Landes ist ein Eldorado für Menschen, die die Einsamkeit und die ‚unüberhörbare‘ Stille  der Wüste und deren Faszination suchen. Weite Sand- und Gesteinsflächen wechseln mit endlos schimmernder Graslandschaft und bizarre Gebirge definieren den Gegensatz.

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Selten habe ich mich so auf ein erfrischendes Bad gefreut. Wir alle waren froh, als wir nach über 350 Kilometer Schotterpiste das Camp aufgebaut hatten und uns – verstaubt und verschwitzt, in den kleinen Pool fallen lassen konnten. Die letzten Tage im Süden waren kühl und während der Fahrt sorgte die Klimaanlage dafür, dass wir die Temperaturschwankung gar nicht wahrnahmen. Doch hier im Sesriem Camping Site schlägt die Namib erbarmungslos zu.

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Touch me, desert! Am späten Nachmittag zieht es uns trotz des brennend heissen Windes auf eine erste Berührung. In knapp fünf Kilometer Entfernung vom Camp erhebt sich die Elim – benannt nach der Farm, die hier einst lag. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet ‚Bäume‘ und das Alte Testament erzählt von Wasserquellen, Palmbäumen und dem Ort, an das Moses sein Volk nach der langen Wanderung durch die Wüste geführt hat.

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Auch wenn die mit Grasbüchel bewachsene Düne scheinbar einfach zu besteigen scheint – mühsam ist der Weg nach ganz oben, denn nur dort offenbart sich die Elim mit ihrer atemberaubenden Vielfalt an farbenfrohen Details und Ausblicken in eine sagenhafte Umgebung, die sich in der rasch sinkenden Sonne immer wieder neu präsentiert.

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Die herrlichen Farbenspiele begleiten uns lange, bis die Sonne das glühende Rot endgültig in ein erdiges Ocker verwandelt und den Himmel auffordert, seine Sternenpracht über die sich schlafen legende Erde auszubreiten. Immer wieder bleiben wir stehen – atemlos, um den Augenblick einzufangen. Den Moment, wo die Sonne hinter den fast schwarzen Dünensegeln abtaucht und ein magisches, ja königliches Violett hinterlässt.

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Sossusvlei – schon der Name treibt einem die Schweissperlen auf die Stirn. Sossus stammt aus der Sprache der Nama, die hier einst lebten, und bedeutet ‚blinder Fluss‘ und vlei steht im Afrikaans für einen kleinen, flachen Tümpel. Es gibt Zeiten, da schafft es das Wasser des Tsauchab River tatsächlich von den Naukluftbergen bis in die Sandwüste und haucht den Ton- und Lehmpfannen für einen Augenblick Leben ein, doch der Umstand, dass nennenswerte Niederschläge in den letzten Monaten ausgeblieben sind, lässt uns nur auf aufgerissene und zerfurchte Erde schauen.

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Noch weit vor Tagesanbruch erwacht das Camp zu geschäftigem Leben. Alle wollen nur das Eine: Den Sonnenaufgang an einem der schönsten Orte der Welt erleben. Die Luft knistert und der Himmel öffnet seine Pforten für einen der schönsten Tage, die ich meinem Leben erfahren durfte.

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Bis zur dune 45 sind es eben 45 Kilometer, und dann braucht es noch einige Zeit, sich im fluffigen Wüstensand ganz bis nach oben zu kämpfen. Aber die Mühe lohnt sich. Wenn die Sonne endlich über die schwarze Bergkette am Horizont kriecht, erlebt man sein ‚rotes Wunder‘. Wie könnte ich einen Augenblick beschreiben, dessen Schönheit sich immer wieder von neuem eröffnet? Es leuchtet, es glitzert, es glimmt. Scheinbar schwerelos eine Sinfonie in Blau, Lila, Rot, Rosa, Altweiss und Ocker – eine Melodie im Rhythmus der Natur, die niemals verstummt.

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Auch wenn ich nicht allein war, habe ich doch einige Zeit dort oben verbracht und über Gott und die Welt und alles mögliche andere nachgedacht. Längst abgelegte Gedanken, die hier sich hier Zeit und Raum nehmen, neu erlebt zu werden. Ein Freund von mir würde wohl anmerken, es wäre Zeit für ein Gedicht. Und so ganz unrecht hätte er nicht, und ich wünsche mir, diesen Moment mit ihm teilen zu können. Hier oben ist eben alles anders. Hier vereinigen sich Jahre zu einem einzigen Moment – hier wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr die Spurensuche zu meinem Leben gehört. Hier bin ich ich.

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Nach einem deftigen Frühstück mit ‚ham & eggs‘ führte uns der Weg ins Nana Vlei. Hier weicht das satte Orangerot einem blassen Hellgelb, während die Sonne rasch an gewinnt und die Schatten schrumpfen lässt. Kameldornbäume saugen mit ihrem tiefen, weit verzweigten Wurzelwerk die letzten Reserven aus dem Boden, während in ihrem Schatten Oryx-Antilopen vor der unerträglichen Mittagshitze Schutz suchen.  Wie der Baum selbst sind auch die Tiere, die hier leben, genügsame Überlebenskünstler in widriger Umgebung.

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Die prächtigen Oryx-Antilopen haben sich im Laufe der Evolution an das Leben in der Wüste angepasst. Sie können, ähnlich wie Kamele, längere Zeit ohne Wasser auskommen und dabei ihre Körpertemperatur über 45 Grad ansteigen lassen, ohne Schaden zu nehmen. Möglich ist das dank der besonderen Konstruktion ihrer Halsschlagader, die wie ein Wärmetauscher funktioniert. Es sei jedoch gewarnt: Auch wenn die Tiere den Kontakt mit dem Menschen scheinbar nicht scheuen, kann die Unterschreitung einer gewissen Distanz lebensgefährlich sein. Oryx wissen sich gegen ihre potentiellen Feinde wie Raubkatzen und Hunde zu behaupten und forkeln alles nieder, was sie bedroht oder angreift.

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Die Wüste lebt. Auch wenn man stundenlang in einer scheinbar ausgestorbenen Welt umherschweift – das Leben findet im Verborgenen statt: Schlangen, Käfer, Spinnen und Skorpione verkriechen sich im allgemeinen vor der grossen Hitze unter Steinen, Gestrüpp oder in Erdlöchern. Sie alle haben eine eigene, geniale Strategie entwickelt, um ihren Wasserbedarf zu decken: Die lebenserhaltene Flüssigkeit nehmen sie mit ihren Beutetieren auf, die aus bis zu 70 % aus Wasser bestehen. Erfahrene Führer können diese Bewohner aufspüren, aber selbst in der Natur herumzustochern sollte man tunlichst unterlassen. Um im unbarmherzigen Überlebenskampf bestehen zu können, hat Mutter Natur so manchem Lebewesen einen hochprozentigen Cocktail an Toxinen mit auf den Weg gegeben, der auch für den Menschen gefährlich werden kann.

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‚Jetzt suchen wir den Tod‘, dachte ich, und tatsächlich ist es nur ein Augenblick, der über Leben und Sterben entscheidet. Die Wüste erscheint auf den ersten Blick unbarmherzig und grausam, aber wer mit ihr lebt und sich ihren Regeln unterwirft, wird erkennen, dass sie im tiefsten Inneren eine Oase sein möchte. Ein Ruhepunkt im Leben, an dem man – einmal wirklich angkommen, verweilen und neue Kraft schöpfen kann. Jedenfalls mir erging es so…

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Sesriem kommt aus dem Afrikaans und bedeutet ses riem, also ‚Sechs Riemen‘. Das Aneinanderknüpfen von sechs Riemen aus den Häuten der Oryx-Antilope war nötig, um Wasser aus diesem Canyon schöpfen zu können – manche Erzählungen sprechen auch von Ochsenfellen. Mittlerweile sind die Schöpfenden längst weitergezogen und nur wenige Wasserstellen inmitten des schieferartigen Gesteins sind erhalten geblieben. Ein winziges Überbleibsel, das sich in Regenzeiten in ein Märchenland verwandelt. Auch wenn dies durschnittlich nur alle 10 Jahre einmal vorkommt, bleibt ein Spaziergang durch die bizarren Felsformationen des uralten Gesteins ein besonderes Erlebnis. Der Sesriem Canyon hat sich im Laufe von zwei Millionen knapp einen Kilometer lang und bis zu 30 Meter tief in das Sedimentgestein hineingefressen; ein Winzling gegenüber seinen namhaften und spektakulären Verwandten. Doch der Sonnenuntergang beschreibt seine ganz eigene, archäische Schönheit und beweist, dass er den Vergleich nicht scheuen braucht.

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Wieder einmal geht ein Tag vorbei und ich geniesse den Sonnenuntergang im Canyon in vollen Zügen – gerade so, als wäre es der letzte. Morgen liegt ein langer Tag vor mir. Ein Tag voller neuer Impressionen, Abenteuer und Herausforderungen.. ein afrikanischer Tag eben.

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Red Sails in the Sunset –  es war jene olle Kamelle der jungen Beatles, die mir abends am Lagerfeuer in den Sinn kam. Genau so hatte ich die Namib gerade erlebt: Rote Segel inmitten eines Meeres, das seine Ufer in alle Winde verstreut und auf dessen Wellen ich mich wohlig treiben lasse.

Peri Nawa

„Everything’s all right.“

Als ich vor einigen Wochen ein kleines Dorf im Norden Namibias besuchen durfte, war dies eines der wenigen Worte, die ich so schnell nicht vergessen werde. Es liegt wohl weniger an der Sprache selbst – eher sind es wohl die besonderen, wenn auch leider nur kurz angeschnittenen Eindrücke, die bei mir deutliche Spuren hinterlassen haben.

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Das Dorf, das ich besucht habe, wird von Himba bewohnt. Die Menschen eines der letzten halbnomadischen Völker des afrikanischen Südens leben im nördlichen Teil Namibias, dem Kaokoland, aber auch im Süden Angolas.  Obwohl sie Sprache und Kultur mit den christianisierten Herero teilen, lehnen sie westliche Kleidung ab, ziehen die Körperbemalung vor und betonen ihren Haarschmuck.

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Die Frisuren bezeugen den sozialen Stand eines Gemeinschaftsmitglieds. Mädchen tragen ihr Haar in langen, mit Perlenschnüren verzierten und ins Gesicht fallenden Fransen; zu zwei zur Stirn gerichteten Zöpfen hingegen heiratsfähige junge Frauen. In überschulterlangen, gedrehten und mit Ocker eingeriebenen Flechten aus dem Gesicht gekämmt und mit ‚Fellhaube‘ geschmückt, präsentieren sich verheiratete Frauen. In diesem komplizierten Geflecht offenbart sich bereits der Stolz der eigenen Tradition –  viel Zeit vergeht, bis Frau die Haare schön hat.

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Besonders auffällig ist die fettige Creme, mit der sich Männer wie Frauen einreiben. Sie verleiht ihnen nicht nur die typische rote Hautfarbe, sondern schützt auch vor dem extrem heißen und trockenen Klima des Kaokolands und vor Moskitostichen. Sie besteht aus Butterfett und Ockerfarbe, okra genannt. Der färbende Bestandteil im natürlichen roten Ocker ist das Eisenoxid, dazu kommt das aromatische Harz des Omazumba-Strauches.

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Wertvoll sind die Schmuckgegenstände aus Eisen und Erzen, die oftmals über mehrere Generationen weitervererbt wurden. Sie symbolisieren nicht nur Reichtum, sondern unterstreichen auch die archaisch anmutende Schönheit ihrer Besitzerin, die ihn stolz um den Hals und an den Hand- und Fußgelenken trägt. Darüber hinaus sind sie nur mit einem aus Kalbsleder und Kalbsfell hergestellten Lendenschutz bekleidet; der restliche Körper bleibt unbedeckt. Ockerfarbene Haut, traditionelle Haarpracht und variantenreicher Schmuck machen das Schönheitsideal der Himba-Frauen aus. Ein Ideal, das für uns westlich geprägten Besucher vielleicht ungewohnt ist. Aber es stimmt: Die Himba-Frauen sind schön – und sie strahlen eine große Würde aus.

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Wie viele andere afrikanische Stämme verehren auch die Himba ihre Ahnen – die monotheistische Religion stützt sich auf ihren Gott mukuru. Okuruwo, das heilige Feuer der Himba, hüten sie wie einen Schatz. Zwischen der Hütte des Clanchefs und dem Viehkral gelegen, darf es nie erlöschen, denn es stellt die so wichtige, symbolische Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten her. Die Feuerstelle ist der zentrale Teil eines Himba-Dorfes – seine Anordnung auf der Linie zwischen der Haupthütte und dem Tiergehege ist streng vorgeschrieben.

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In ihrer weltlichen Welt dreht sich alles um ihre Kühe und Ziegen. Sie sind der einzige Besitz, der wirklich zählt. Ob ein Himba reich ist, erkennt man an der Größe seiner Herde. Geld oder andere materielle Dinge sind nicht so wichtig. Sie leben im Einklang mit der Natur, die ihr Überleben sichert und sie mit allem Nötigen versorgt: Mopane wird vor allem als Baumaterial für Hütten, Zäune und Vorratskammern genutzt – der braune Kampferbaum dient der Fertigung von Geschirr und Löffeln und auch für die traditionellen Holzkopfkissen.

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Im Dorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein wenig komme ich mir vor wie einem Freilichtmuseum, in dem vergangene Kulturen anschaulich dargestellt werden. Aber das ist die Realität der Himba im 21. Jahrhundert: kein Strom, kein fließend Wasser, kein Telefon, kein Fernseher und kein Handy-Empfang – einfachstes Leben in unwirtlicher Natur.

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Nur für einen kurzen Augenblick durfte ich am Leben eines der letzten Naturvolkes Teil nehmen; viel zu kurz, denn ich hätte mir einige Augenblicke mehr gewünscht, um Kultur, Geschichte und vita näher kennen lernen zu dürfen. Doch wurde mir in diesen Momenten auch klar, dass ich zurückkehren werde.

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Fast unberührt von der europäischen Zivilisation leben heute in etwa 7000 Himba als Viehzüchter, Jäger und Sammler im südlichen Afrika und mein Wunsch allein ist es, dass ein sanfter Tourismus diese ganz besondere Welt dem Spurensuchenden so nahe bringt wie die Sprache, die aus einem lustig anmutenden Kauderwelsch aus Bantu und Afrikaans fragt: „Ua penduka nawa ?“

„Peri Nawa!“ …everything’s all right!

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Auge in Auge

Es dauerte nicht mal eine halbe Stunde, bis er auftauchte. Mit leicht erhobenem Rüssel trat er in unmittelbarer Nähe unseres Camps aus dem Mopane-Wald und hielt für einen kurzen Moment inne. Seine eben noch ruhigen Ohren begannen mit leichten Bewegungen zu wedeln, während er seinen Rüssel prüfend in den Wind hob. Ein Bulle, vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt – ein Einzelgänger, wie es bei Elefantenherren nach der Geschlechtsreife normalerweise vorkommt.

Wir bemerkten ihn erst, als er aus dem Dickicht hervorkam. Kein Geräusch, das ihn verriet, kein Brechen von Ästen.

Er senkte seinen Rüssel wieder. Langsam und bedächtig drehte er seinen Kopf in unsere Richtung, während seine Ohren eine nach nach vorne gerichtete Position einnahmen. Sie wedelten nun nicht mehr. So stand er eine ganze Weile dort und schaute beinahe teilnahmslos in unsere Runde. Trotz der Entfernung von knapp zwanzig Metern leuchteten seine Augen in einer Mischung aus Neugierde, Angst, Trauer und Mut bis zu uns herüber.

Wir waren reglos. Wir standen nur da und schauten ihn an. So wie er uns.

Dann drehte er langsam seinen Kopf wieder zurück. Erneut erhob er prüfend seinen Rüssel, kurz bevor er seinen massigen Körper wiederum in Bewegung setzte.

Majestätisch und scheinbar desinteressiert trottete er an uns vorbei. Seine Augen leuchteten jetzt noch mehr, noch intensiver und obschon sie nicht mehr direkt auf uns gerichtet waren, verfolgten sie doch jede noch so kleine Bewegung.

Wir waren Eindringlinge. Das musste er zumindest denken. Es ist sein Recht, so zu denken. Wir wollten ihn nicht stören, wir wollten ihm nichts böses. Aber woher soll er das wissen? Er handelt nach seinem Instinkt. Er verlässt sich nicht auf Gefühle oder Vermutungen.

In dieser Nacht habe ich lange am Feuer gesessen… fast eine Flasche Southern Comfort lang. Nein, Angst hatte ich nicht. Respekt hatte ich. Wie vor jedem Lebewesen. Vielleicht habe ich eher vor Menschen Angst als vor Tieren. Was unterscheidet uns denn vom Tier? Ein Tier handelt aus instinktiven Beweggründen, es erhält sich und es erhält seine Art. Und dafür tötet es manchmal sogar. Aber es schadet nicht wissentlich und schon gar nicht willentlich. Es kennt kein Unrecht, es kennt nur Recht.

Ich hab‘ den Rest der Flasche ausgeschüttet. Das macht mich anders. Das macht den Unterschied. Ich kann Dinge tun, die unsinnig sind. Dinge, die gegen die Logik sprechen und mehr schaden als nutzen. Und oft genug tu‘ ich sie auch. Dann bekomm‘ ich Angst vor mir selbst.

Chobe National Park 1998

* * *

Der Vulkan

Nie zuvor in meinem Leben habe ich so gefroren.

Wir befanden uns circa 2400 Meter über dem Meeresspiegel in einem hübschen kleinen Hotel, dessen Holzverschalung liebevoll in zartrosa getüncht war, und versuchten einzuschlafen. Das Abendessen bestand wie gewöhnlich aus ‚arroz con pollo‘ begleitet von einigen Dosen des schmackhaften einheimischen Bieres. Den ganzen Tag waren wir fast ausschliesslich auf unbefestigten, aber landschaftlich reizvollen Nebenstrecken im Landesinneren unterwegs; am kommenden Morgen sollte es dann in aller Frühe hinauf zum Vulkan ‚Irazu‘ gehen.

Costa Rica – die Schweiz Mittelamerikas. Kulturell ein Land der jungen Generation und der vermischten Hautfarben bietet es jedoch dem Naturverbundenen die Schönheiten eines ganzen Kontinents auf einer Fläche von der Grösse Niedersachsens. Architektonische Highlights und jahrtausendealte Kulturen sucht man hier vergebens – die ältesten Gebäude stammen aus dem 16. Jahrhundert seit der Entdeckung durch die Spanier und begeistern selbst durch die Linse der Kamera nur wenig. Vom tropischen Trockenwald in der Küstenebene bis zum vulkanischen Urgestein braucht es jedoch nicht länger als drei Stunden Autofahrt, und dabei werden nicht weniger als fünf verschiedene Klimazonen durchquert. Bergnebelwälder in immerwährender Feuchtigkeit und düsterem Licht liegen auf dem Wege wie auch lichte Tannenwälder, durch die sich die wichtigste Verbindung des Landes, die Panamericana, hindurchschlängelt. Und immer wieder diese grossen amerikanischen Trucks, die an den Steigungen der Traumstrasse Latein- und Mittelamerikas den Verkehr beinahe zum Erliegen bringen.

Fast mittig im Lande im ‚meseta central‘ liegt der höchstgelegene Vulkan des Landes, der ‚Irazu‘ auf einer Höhe von 3432 Metern über dem Meeresspiegel. Unscheinbar und gefahrlos schimmert das gelbgrüne, stark schwefelhaltige Wasser seiner Kraterseen in der frühen Morgensonne. Angeblich soll man von hier aus sogar sowohl den pazifischen als auch den atlantischen Ozean sehen können… ein Tatbestand, der jedoch eine erstklassige Fernsicht und dementsprechende Wetterverhältnisse voraussetzt und damit den meisten Kurzzeittouristen vorenthalten bleibt.

Die ganze Nacht haben wir kein Auge zugetan und selbst die herangeschafften zusätzlichen Wolldecken schafften es nicht, die innere Wärme der vorangegangenen Tage auszugleichen. Eine Woche bei feuchtschwülen 35 Grad und nicht einmal die Nacht brachte die ersehnte Abkühlung. Dagegen waren die Nächte im ‚meseta central‘ geradezu eisig; das Thermometer fiel auf sieben Grad, aber es erschien uns viel kälter und die gespeicherte Hitze der letzten Tage pochte unablässig unter der sich langsam abkühlenden Haut.

Frühmorgens nach dem obligatorischem Kaffee im Wasserglas machten wir uns auf den Weg zum Kraterrand in der Hoffnung, dass der Frühnebel der Sonne nicht lange standhalten würde. Wir wurden nicht enttäuscht. Die seismologische Station lag bereits in der Sonne, als wir den Kraterpark erreichten und nur der unablässig pfeifende Wind hielt uns von gegenseitigen enthusiastischen Freudensbeurkundungen ab. Schwefelgeruch stieg in unsere Nasen und trotz der gewaltigen Böen erschien uns der Anblick der schroffen Felswände so, als wenn es eine Ewigkeit nichts gäbe, was sie verrücken könnte.

Es war ein wenig mehr als anderthalb Jahre später, als ich die Zeitung aufschlug und unter den kleingedruckten Schlagzeilen aus aller Welt folgende Zeilen las: „Costa Rica: Der Vulkan Irazu brach nach langer Zeit des Schweigens wieder aus und bedeckte die nahegelegene Hauptstadt San José mit einer vierzig Zentimeter dicken Ascheschicht.“

Die Chance, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, war eben so gross wie der berühmte Sechser im Lotto.

Aber nachdenklich hat es mich schon gemacht…

Musica prohibida

Eine Liebeserklärung.

Sie sind zu sechst, und sie tauchen meist immer erst dann auf, wenn die meisten Gäste ihr Abendessen bereits beendet haben. Mit schlurfendem Gang bugsieren sie ihre Instrumente durch die Enge des kleinen Restaurants im Herzen von Havanna Vieja. Hier hin verirrt sich kaum ein Tourist; die Speisekarte beschränkt sich auf eine Handvoll einfacher Mahlzeiten und auch die spröde Aussenfassade verrät nichts über den Charme des offenen und mit unzähligen Rankblumen bepflanzten Innenhofes. Vielen Einheimische nutzen diesen Ort gerne, um bei Musik und einer Flasche Rum ihren Alltag für einen kurzen Augenblick vergessen zu können. Die wenigen Touristen, die nach hier gefunden haben, nippen gedankenversunken an ihrem Mojito oder diskutieren im Laufe zahlloser Gläser Cuba libre über ihre Eindrücke des vergangenen Tages.

Scheinbar unbemerkt haben die Musiker mittlerweile auf der kleinen Empore Platz genommen. Jeder von ihnen ist jetzt vollauf beschäftigt: Der Contrabassista wischt den Strassenstaub von seinem Instrument und der Congaspieler trommelt leise eine Melodie auf seiner mit Rinderhaut bespannten Standtrommel. Aus zerbeulten Behältern kommen Instrumente zum Vorschein, die schon seit Jahrzehnten in Familienbesitz zu sein scheinen: eine abgegriffene Querflöte und die Tres, ein der Gitarre ähnliches kubanisches Saiteninstrument. Die Maracas – Rumbakugeln, deren Korpus noch aus Kürbissen besteht und deren Klang an das durchdringende Prasseln springender Kieselsteine erinnert. Und schliesslich zwei aus hartem und wohlklingendem Holz hergestellte Zylinder, die Claves. Man spielt sie, indem man einen Zylinder auf den anderen schlägt – scheinbar einfach, doch legen sie den Grundrhythmus der Musik fest und verlangen von ihrem Spieler ein hohes Mass an Rhythmus- und Taktgefühl.

Sie alle haben ihre Jugendzeit bereits lange hinter sich. Der älteste unter ihnen zählt mittlerweile fast achtzig Jahre, doch die von der Gicht gezeichneten Hände halten die Claves noch so sicher und fest wie damals. Ein waches Lächeln huscht aus dem von der Sonne zerfurchten Gesicht, ein Funkeln in seinen Augen, als der Kellner eine Flasche ‚Havanna Club‘ auf den kleinen Hocker neben der Bühne stellt. Es wird still an den Tischen, als die ersten melodischen Schläge der Claves in den Raum gleiten, bevor Tres, Bongos, Conga und Bass ihrem hölzernen Gesang folgen. Ein kurzer Applaus von der touristischen Minderheit – ja, den ‘Chan Chan‘ kennen und lieben sie alle. „El cariño que te tengo no te lo puedo negar“ – Die Zuneigung, die ich zu dir habe, kann ich nicht verneinen. Wie die meisten cubanischen Lieder spricht auch er von der immerwährenden Sehnsucht und Hoffnung nach Liebe. Die Interpretation ist nicht ganz werkgetreu. Die Bongos holpern, die Gitarre schrammelt und die Solostimme, ganz hinten aus der Kehle gequetscht, fällt ein wie ein fideler Trinkbruder. Das ist Son in seinem Ursprung. Musik, die sich selbst reflektiert, auseinander nimmt und neu zusammensetzt. Klänge, die Wunden und Verletzungen zeigen, dann wiederum schelmisch, gut gelaunt und stets mit einer Flasche Rum unter dem Arm unterwegs sind auf der Suche nach den schönen Dingen des Lebens.

Lange Zeit war der Son, der sich aus Elementen der afrikanischen Musik und spanischem Liedgut Ende des 19. Jahrhunderts formte, als Musik der unteren Volksschichten verachtet und zeitweise sogar verboten, bis er schliesslich in den zwanziger Jahren mit populären Gruppen wie dem Sexteto Nacional und dem Sexteto Habanero seinen endgültigen Durchbruch erlebte. Zu weltweiter Bekanntheit gelangte er jedoch erst durch Compay Segundo, dem grossen Gitarristen und Sänger des ‚Buena Vista Social Clubs‘.

Der ‚Buena Vista Social Club‘ hat mit grossem Erfolg einen fast schon vergessenen Cocktail wieder neu gemixt und in die westliche Welt geschüttet. Und für diesen Erfolg gibt es natürliche Erklärungen. Der biographische Autor des BVSC Thomas Mießgang schreibt dazu: „Es wurde eine Gruppe von Hörern erreicht, die die Industrie als ‚Sleeper‘ definiert: Menschen über 30, gebildet, einkommensstark, potenziell an Musik interessiert, aber von der Fülle ständig wechselnder neuer Namen und Stile überfordert. Diese Schläfer sind aufgewacht und lassen sich von dem hochprozentigen Cocktail aus tropischem Sozialismus, undomestizierter Lebensgier und tränenseeliger Nostalgie nach einer Welt von gestern berauschen.“

„Ja, ich habe Compay ein paar Mal getroffen und wir haben auch zusammen Musik gemacht, aber das ist schon lange her.“ Der Alte schüttet sich noch einen Rum ein – wie in jeder kurzen Pause, die sich das Sexteto nach drei bis vier Liedern gönnt. „Damals waren wir noch jung und haben nächtelang Rum getrunken, Zigarren geraucht, gespielt und gesungen. Der ’sabor‘ war allgegenwärtig.“

Zum ersten Mal treffe ich auf dieses Wort: sabor. Mit ‚Geschmack‘ ist es nur unzureichend übersetzt. Sabor ist ein Schlüsselbegriff der kubanischen Musik und meint viel mehr: die Würze des Klanges, die Erotik eines verzögerten Trommelschlages, die Reibungshitze zwischen den Instrumenten, die Trance, wenn die Musik beginnt, die Musiker zu spielen. „Ohne den sabor kannst du die Musik vergessen, den Tanz, den Sex – einfach alles.“

Ja, vom weltweiten Ruhm des ‚Buena Vista Social Clubs‘ hat er gehört. Aber nicht viel. Was zählt schon Weltruhm in einer Stadt, die 24 Stunden mit sich selbst beschäftigt ist, ihre Wunden leckt, ihre Leiden pflegt und ihre Exzesse auskostet? Der Alte hebt sich von seinem Hocker und schlurft zurück auf die Bühne. Mittlerweile sind die meisten Touristen in ihre Hotels zurückgekehrt oder auf der Suche nach anderen Vergnügungen weitergezogen. Nur noch wenige Tische, um die sich einige Einheimische gruppiert haben. Einige, die gespannt und andächtig auf die nicht enden wollenden Zugaben des kleinen Orchesters warten; andere, die besoffen über ihrem Barhocker zusammengesunken sind oder in ihr halbleeres Rumglas starren. Sie sind wie die Stadt selbst – immer eine Spur zu heftig, zu unkontrolliert, zu risikofreudig. Es ist der Wesenskern des Kubanischen, hat der grosse kubanische Autor Lézama Lima einmal geschrieben, eine bereits gewonnene Partie ständig von neuem aufs Spiel zu setzen.

Noch einmal schlagen die Claves zum letzten Gebet:
‚Lagrimas negras‘ – schwarze Tränen. Die Saiten der Tres singen von Wehmut und Sehnsucht und verkünden ein letztes Mal an diesem Abend den sabor… dieses schwer definierbare Gefühl, das sich einstellt, wenn man Musik direkt aus der Quelle schöpft.

Dann ist Stille.

* * *

Cuba libre

Abends, wenn flackerndes Neonlicht die Hitze des Tages endlich erlöst, wird es langsam voll in den Strassen Havannas. Menschen von irgendwo her nach irgendwo hin – Menschen unterschiedlichster Hautfarben und Herkünfte, die im Schatten der Häuserzeilen ihren Weg nehmen. Kann sich Havanna auch in der Grösse mit anderen Metropolen der Welt nicht messen, so übt die Hauptstadt Cubas jedoch jene Faszination aus, die so manch einer auf seiner Suche nach dem Geheimnisvollen und Ursprünglichen zu finden hofft.

Hier scheint die Zeit einen jahrzehntelangen Stillstand erlebt zu haben. Die wenigen Autos, die auf den Strassen unterwegs sind, stammen oft noch aus der Geburtszeit der Revolution und werden von ihren Besitzern mit viel Mühe und Improvisation am Leben erhalten. Zuckerrohrpressen aus alter Zeit zerquetschen noch heute wie vor hundert Jahren die langen Rohrstangen zu einem schmackhaften, aber sehr süssen Saft und an manchen Häuserfassaden findet man noch heute die Einschusslöcher aus revolutionären Zeiten.

Auf dem ‚Malecon‘, der Hafenpromenade der Stadt, schlendern die ersten Pärchen, bevor sie sich irgendwo auf der Kaimauer niederlassen und ineinander versinken. Die ‚calle obispo‘ im Zentrum ist jetzt auch hoffnungslos überfüllt. Musiker, die ihre Instrumente in die nächste Bar tragen, vom Rum angetrunkene Jugendliche, alte Männer, die an wackligen Holztischen in ihr Dominospiel vertieft sind und Touristen auf der Suche nach einer Bar, einem Restaurant oder nach Liebe. Und die ‚jineteras’… Mädchen und junge Frauen, die bereit sind, für ein kleines Stück Wohlstand sich selbst zu opfern.

Und es sind nicht wenige, die trotz der wachenden Argusaugen der Polizei versuchen, westlichen Touristen ihre Dienste unmissverständlich nahezubringen. Viele davon sind noch minderjährig. ‚Über zwanzig gehörst du zum alten Eisen und niemand mehr will dich‘, wie mir eine von ihnen erklärte. Und weiter: ‚Wenn du jung und clever bist, verdienst du an einem Abend mehr als ein Universitätsprofessor in einem halben Jahr.‘ Und die Konkurrenz ist gross. Auf Cuba verhält es sich mit den Frauen wie mit Gorgonenhäuptern: Wo eine abhanden kommt, wachsen sofort zehn nach.

Wartende Menschen stehen vor den staatlichen Lebensmittelmärkten, den ‚bodegas‘, und nebenan kann man durch’s offene Fenster einem Zahnarzt bei seiner Arbeit zuschauen. Gerade mal den Gegenwert von ungefähr zehn bis fünfzehn Euro verdient ein Cubaner im Durchschnitt monatlich – ergänzt durch die ‚libreta‘, ein Lebensmittelbüchlein, das zum Kauf im Staatsladen berechtigt und ein Überleben für rund zwei Wochen ermöglicht. Jeder hier, ob der Bettler von der Strasse oder der Hotelier hat ein Recht auf Gesundheitsfürsorge – von der einfachen Zahnbehandlung bis hin zur Nierenverpflanzung. Das Bildungssystem vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss kann ebenso kostenlos genutzt werden; der grösste Teil der Schüler und Studenten wird zudem in Internaten kostenlos verpflegt. Die meisten Kubaner leben in Wohnungen, die der Staat kostenlos zur Verfügung stellt, die Ausgaben für Gas, Wasser und Strom sind sehr gering und Müllabfuhr sowie Rundfunk- und Fernsehempfang sind kostenlos. Wer kein Zusatzeinkommen hat, zahlt keine Steuern, erhält aber Arbeitslosenunterstützung, falls er seinen Job verliert. Der Aufenthalt im Altenheim ist ebenso kostenlos wie der Tod.

„Damit der Mensch seine materiellen Bedürfnisse befriedigen kann, ist es nicht nötig, seine Freiheiten zu opfern.“

Fidel Castros Worte – ein Hohn für diejenigen, die sich selbst als Beute in einem ohnehin schon gebeutelten Land sehen. Der wachsende Tourismus der vergangenen Jahre hat das Wohlstandsdenken in der Bevölkerung stark ansteigen lassen, und wer clever war, konnte in seinem Schatten Geschäfte machen. Als das tatsächlich auch zu funktionieren schien, erfand der Staat ein Gegengift, das die Cubaner bis dahin nicht einmal dem Namen her kannten: die Steuer. Und seitdem zerplatzten viele Träume von einem bescheidenen Wohlstand wieder wie Seifenblasen.

Doch der bewährte Überlebenswille rettete die Cubaner auch diesmal vor der enttäuschten Resignation. Während ihre Stadt langsam aufblüht, halten sie durch. In der Unschuld des Sozialismus dauert das meiste halt nur ein wenig länger und auch die Rumkneipe um die Ecke, wo der Doppelte zweieinhalb Peso kostet, wird irgendwann renoviert werden.

Fidel Castro lebt und mit ihm die Ideologie einer ganzen Generation. Bleibt nur zu hoffen, dass die Revolution ihre Früchte trägt und Vorreiter war für ein neues Cuba: Ein ‚vernünftiger‘ Kapitalismus mit stark sozialer Tendenz.

Viva la Revolución…