Antike unter Strom

Denkt man an Rom und seine Museen, fallen einem unweigerlich jene berühmten Sammlungen ein, die im Vatikan, in der Villa Borghese oder auf dem Kapitol zu bewundern sind. Tausende Menschen drängen sich täglich durch die Säle, Räume und Galerien, vorbei an antiken Schätzen, namhaften Meistern und himmlischen Pretiosen. Pausenlos belagert und totfotografiert verlieren sich die Werke der Ausnahmekünstler und Genies im Massenstrom der Besucher. 3000 Jahre Geschichte der Ewigen Stadt zusammengepfercht in Foyers, Fluren und Museumsklausen – Raffael und Bernini im Ausverkauf.

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Das es auch anders geht, beweist ein Museum, das eigentlich nur als Zwischenlösung angedacht war.  Umfangreiche Baumassnahmen im Konservatorenpalast auf dem Palatin im Jahre 1997 machten eine Auslagerung von großen Teilen der Sammlung nötig. Man entschied sich für das ehemalige Elektrizitätswerk Montemartini als zunächst vorübergehende Bleibe. Als nach acht Jahren die Bauarbeiten endlich abgeschlossen waren, beschloss man, die antiken Kostbarkeiten im Kraftwerk zu belassen – sozusagen als Aussenstelle der Kapitolinischen Museen.

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Das Museo Centrale Montemartini – die schönste Filiale der Welt. Hier findet man keinen Michelangelo, keinen Borromini und keinen Valadier und auch kein harziger Duft von Gemäldefirnis dringt in die Nase des Besuchers. Hier riecht es nach Altöl.

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Apollo Sosianus meets Franco Tosi – solcherlei Begegnungen des Gegensätzlichen schickt den Staunenden auf eine Zeitreise mit Quantensprungcharakter. Während im Vordergrund blütenweisser Marmor in Jahrtausenden rechnet, zählt sein Schatten gerade mal gute einhundert Jahre. Denn die grobschlächtigen Dieselmotoren, Kesselanlagen und Dampfturbinen stammen aus dem beginnenden 19. Jahrhundert und stehen scheinbar im Widerspruch mit den zarten und hochbejahrten Juwelen.

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Wie kostbar dieser Kontrast doch ist. Antike Kunst und moderne Industriearchitektur profitieren gleichermaßen voneinander. Ursprünglich war die monströse Maschinerie bereits demontiert, bis sich die städtische Elektrizitätsgesellschaft ACEA entschloss, den bereits im Verfall befindlichen Komplex zu restaurieren. So erfuhren Kesselhaus und Maschinensaal ihre Wiedergeburt als industriegeschichtliches Erbe der Stadt Rom.

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Schon in den Vorräumen präsentiert sich ein munteres Essemble kultureller Vielfalt vor dezent kolorierter Kulisse – erdiges Ockergelb rückt kleines und alltägliches in den Vordergrund und die effektvolle Beleuchtung sorgt obendrein dafür, dass sich so manche Nebensächlichkeit bei näherer Betrachtung in einen Knalleffekt extraiert.

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Schon hier verspürt man den innigen Wunsch, näher zu rücken und tiefer in die Geschichte einzutauchen, die hier zum Greifen nahe liegt. Immer wieder melodische Namen herausragender Gestalten, aber auch abseits dieser bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens findet man solche, die ihre Fäden im Hintergrund gezogen haben, so wie die Büste des Marcus Vipsanius Agrippa, der beste Freund und Schwiegersohn des Augustus. Und nicht zuletzt jene unbekannten und vergessenen Helden, die ihre Geschichten ausplaudern möchten. Politik, Alltag, Leben und Sterben – allgegenwärtige Augenblicke römischer Kultur.

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Imposante Fenster lassen ein wohliges, natürliches Licht in die riesige Maschinenhalle fallen und taucht die Exponate in lebendige Mystik. Ja, es scheint fast so, als wollten die alten Skulpturen aufstehen und umhergehen und aus ihrem Leben erzählen. Und wer würde da nicht gerne zuhören?

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Eine ansehnliche Sammlung römischer Portraits – wichtige Kaiser, unsterbliche Helden und namenlose Schönheiten; sie alle geben dem Ambiente Gesicht.

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Die Toga des einfachen Mannes hängt hier gleich neben des Kaisers goldenem Lorbeer, und unter dem Dach Jupiters ruht sich der Diskuswerfer von seinem Wettkampf aus.

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Götterdämmerung im Scheinwerferlicht, und wer hier den ein oder anderen schmerzlich vermisst, wird dafür auf andere Art und Weise entschädigt. Auch wenn die Sammlung keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit stellt, überrascht sie immer wieder mit anspruchsvollen Details, seltenen Portraits und historischen Momentaufnahmen. Und wer sich in der Vordergrund drängelt, wird rasch auf seinen Platz verwiesen.

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So war das auch damals schon, und viele mussten schmerzlich erfahren, dass der in die Wiege gelegte Lorbeer nicht nur verteidigt, sondern ebenfalls verdient werden musste. Auf Dauer halfen auch die prächtigsten Marmorbüsten, an denen wir uns hier erfreuen, nichts. Das Scheusal Caracalla schaut sicher nicht ohne Grund mit ernster und wohl ein wenig neidischer Mine auf seinen grossen Vater Septimius Severus, und viele Jahre später war es der Araber Philippus, der sich behaupten musste. Jedenfalls die Augen seiner Frau Otacilia Severa verbergen geschickt den Stolz einer Augusta. Aber zuvor spricht Mars sein Machtwort über die Lebenden und Sterblichen, und – bei den Göttern, es wäre unklug, nicht einen Moment zuzuhören…

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Detailarbeit im Rhythmus des alltäglichen Lebens – so präsentiert sich selbst die Zimmermannskunst der Antike plastisch und verständlich in handwerklicher Virtuosität.

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Im Kesselhaus kniet Niobe’s Sohn, den tödlichen Pfeil erwartend, und wer fiebert hier nicht mit? Eine fast unerträgliche Spannung liegt in dieser Szene und auch, wenn wir den Ausgang kennen, hoffen wir ganz insgeheim auf ein happy end.

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Aber auch hier geht es nicht nur göttlich zu – die junge Lucilla neben dem unbekannten, klugen Strategen aus der umfangreichen Sammlung des Fulvius Plautianus – jener Prätorianerpräfekt, der seinen Griff nach der Kaiserkrone mit dem Leben bezahlte.  Und schon befindet man sich wieder mitten im Leben der antiken Realität, das uns zumindest ein kleines Zeitfenster zu den unsterblichen Helden, strategischen Genies, fanatischen Herrschern und alltäglichen Charaktern öffnet, und sei es nur für einen Augenblick.

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Ein Augenblick der Stille: Der geschundene Körper des Marsyas, dem die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wurde als grausame Strafe für den Sterblichen, der sich zum Gott erheben wollte – nur ein Mythos, aber auch eine illustratorische Metapher der Selbstüberschätzung, die nachdenklich macht.

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Die Schöne und das Biest oder der Kitzel des großen Unterschieds zwischen Satyr und Nymphe, die trotz unausgewogener Schönheitsverhältnisse und scheinheiliger Abwehrstellung zu sexueller Vereinigung fanden – erotische Szenarien, die sich auch in den Statuen des Pothos aus hadrianischer Zeit enthüllen und dem Betrachter eine schmackhafte Pikanterie archaischer Geilheit offenbart.

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Neben den kurzweiligen Abdrücken findet sich aber auch Herausragendes. Solches, was man länger bestaunen und aus allen Perspektiven entdecken möchte. So entführt die Muse in ihre eigene, besondere Welt, und auch, wenn die Papyrusrolle ihren Namen nicht verrät, scheint ihr gedankenverlorener Blick gerade so, als hätte sie ihn selbst vergessen.

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Salopp hingegen schlägt die unbekannte Schönheit ihre Beine übereinander. Die personifizierte Anmut – lässig unschuldig nicht nur ihre Körperhaltung, sondern auch die raffiniert auf dem Haupt verknotete Frisur. Ein Leckerbissen.

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Wenn der Rheinländer von einem „lecker Mädche“ spricht, meint er gemeinhin ein rundum attraktives weibliches Wesen. Nun, jene Kaiserin, auf die diese Beschreibung ohne weiteres zutrifft, feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag und wo sonst könnte sie dieses Fest würdevoller begehen als in ihrer Heimatstadt Köln. Agrippina, die ihren eigenen Onkel heiratete und aus ihrem Schoss einen Tyrannen gebar – eine Statue aus schwarzem Basanit, deren einzigartige, fast schon spirituelle Erhabenheit die dunklen Seiten der Macht in allen Details umschreibt. Und wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, kann man sich von ihrer magischen Anziehungskraft hier selbst überzeugen.

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Ganz großes Kino: Eine Kulisse in blau, grün und ocker, die den Akteuren genügend Spielraum zur vollen Entfaltung lässt. Die Hauptdarsteller ihrer Zeit inszenieren sich blütenweiss auf intimem Podium und entführen den Zuschauer in die Welt der Komödien, Dramen und Episoden erregender Epochen.

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Antike unter Strom, und elektrisiert verlässt man diesen Ort. Sicher, es gibt berühmtere Sammlungen, wichtigere Statuen und bestimmt auch bedeutendere Spuren der römischen Antike. Aber nirgends so spannend wie hier.

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handymania

„Ok, also ‚ne Packung Arborio-Reis und Olivenöl Extra-Vergine. Bring’ ich noch mit. Bis später, Schatzi.“

Grummelnd stecke ich mein Handy zurück in die Hosentasche und trete aus der Warteschlange an der Supermarktkasse, in der ich mich eine viertel Stunde zuvor eingereiht hatte. Dabei waren meine ersten Einkäufe bereits auf dem Förderband platziert, und im Kopf hatte ich schon grob überschlagen, wie viel mich der heutige Einkauf kosten würde. Mit den eilig wieder in den Korb gelegten Delikatessen steuere ich sehr zur Freude der hinter mir Wartenden erneut die Regale an, um mich kurze Zeit später wiederum in die Schlange an der Kasse einzureihen zu dürfen – mit ‚ner Packung Arborio-Reis und Olivenöl Extra-Vergine und natürlich ganz hinten.

Und das alles nur, weil ich jederzeit und überall erreichbar bin oder meine es sein zu müssen. Die mobile Funktechnik macht’s möglich. War vor wenigen Jahren das Läuten eines Telefons nur in geschlossenen Räumen zu vernehmen, verfolgen heute Klingelgeräusche in unüberschaubarer Vielfalt den Menschen auf Schritt und Tritt und nach überall hin. Kaum ein paar Minuten vergehen, dass nicht von irgendwoher ein Brummen, Zirpen, Schellen, Bimmeln oder Fiepen in’s Ohr dröhnt, gefolgt von einem pseudo-überraschten „Halloooooo?“ des Angewählten. Natürlich posaunt man nicht den eigenen Namen heraus, denn wen im Umkreis der Mithörenden geht’s schon an, wie man heißt? Und schließlich weiß der Anrufer ja selbst, wen er da gerade angewählt hat – meistens jedenfalls.

Früher war das Rascheln der Tageszeitung der Standardton einer Pendlerzugfahrt, heute ist es das Klingeln des mobilen Freundes. Wahrscheinlich spart sich die Bahn deswegen auch die musikalische Untermalung einer Zugfahrt – die Klingeltöne der meisten Handys sind nämlich gar keine, sondern eher ein buntes Gedudel aus den Bereichen Charts, Musical oder Klassik. Die ersten Takte des aktuellen Lieblingshits gehören unbedingt zum mobilen Lifestyle, und das Jahresabo für polyphone Klingeltöne sorgt dafür, dass man auch immer schön auf dem neuesten Stand bleibt.

Der Empfang von Kurznachrichten wird meist nicht von einer solch kreativen Musikuntermalung angekündigt. Hier haben sich anbieterabhängig einige wenige, aber prägnante Tonfolgen standardisiert – mit dem Nebeneffekt, dass bei Einsetzen dieses Geläutes mindestens fünf Leute gleichzeitig und eiligst ihren mobilen Freund hervorkramen. Leider gibt’s meist nur einen Angewählten, so dass vier Handys gleich wieder unauffällig und unter Vortäuschen eines Hustenanfalles in den Taschen verschwinden. Schließlich gehört man selbst ja nicht zum Kreis der Süchtigen, die in Lauerstellung auf ein Lebenszeichen ihres Mobiltelefons warten.

Natürlich freut man sich über eine eingehende SMS wie ein Schneekönig, wäre beim Schreiben einer solchen das Eintippen nicht so mühsam. Also her mit den Abkürzungen. Sachen wie LG (Liebe Grüsse) oder HDL (Hab dich lieb) sind lange bekannt, doch um möglichst viel mit den 160 Zeichen zu sagen, ist so manch einer dem AKÜFI (Abkürzungsfimmel) erlegen: WZTWD? (Wo zum Teufel warst du?) oder LAWAMA! (Lass’ uns was machen!) lassen ganze Sätze auf wenige Zeichen zusammenschrumpfen. Verhunzung? Irgendwie ja schon. Ständig und wegen jedem noch so kleinen Schei.. werden SMS geschrieben, sogar noch öfters als E-mails. Die weltweiten Einnahmen aus den Handy-Kurzbotschaften beliefen sich laut Marktforschungsinstitut Gartner im Jahre 2005 auf knapp 30 Milliarden Euro und dürften der Prognose zufolge bis 2010 auf über 70 Milliarden Euro anwachsen. Na, da wird sich aber so mancher über die Rechnung freuen.

Es gibt Momente, da sind bimmelnde Handys ebenso willkommen wie Zahnschmerzen am heiligen Abend. Mozarts Zauberflöte ist bisher ohne polyphone Klingeltonbegleitung ausgekommen und wird es hoffentlich auch in Zukunft sein, und auch die montagmorgendliche Vorstandssitzung wird durch permanentes Handygeblöke nicht kurzweiliger. Ebenso daneben ist das romantische Candlelight-Dinner, wo in regelmäßigen Abständen der elektronische Giftzwerg dazwischenfunkt. Zugegeben, wenn man ein Handy mit einer Million Funktionen besitzt, möchte man auch Gebrauch davon machen, aber doch bitte nicht im vollbesetzten Bus. Hat man sich dort gerade mit der musikalischen Berieselung aus Discman, MP3-Player und ipod abgefunden, mutieren jetzt auch die Handys zu kleinen Ghettoblastern.

Vor einigen Tagen hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich träumte, alle Handys in meiner Umgebung führten ein Eigenleben und planten eine große Verschwörung. Es begann damit, dass sie grundlos und zu beliebigen Zeiten zu klingeln begannen. Wenig später steigerte sich das Ganze in ein unkontrolliertes Durcheinander von diversen mono- und polyphonen Klingeltönen, deren Lautstärke auf ein unerträgliches Maß anschwoll. Einige von den kleinen Plagegeistern hatten sogar Beinchen und hüpften im Takt ihres Geläutes durch die Gegend. Schließlich formierten sie sich in Reih und Glied und marschierten bis an die Tasten bewaffnet mit Pauken- und Trompetentönen gegen ihre Besitzer auf, denen nichts anderes übrig blieb, als mit zugehaltenen Ohren die Flucht zu ergreifen. Nur die sofortige Vernichtung aller Ladegeräte konnte schlimmeres verhindern.

Handymania – wie soll ein Phänomen beschrieben werden, für das es keinen Eintrag im Duden gibt, das sich wie eine Seuche verbreitet und mittlerweile bis in die abgelegensten Winkel der Erde reicht? Inzwischen hat fast jeder ein Handy, und ja, ich gebe es zu: Ohne Handy wäre ich aufgeschmissen. Ich möchte jederzeit erreichbar sein – von meiner nächtlichen Tiefschlafphase mal abgesehen, und auch andere erreichen können. Und ich muss sagen, wenn es auch manchmal zum unpassendsten Augenblick läutet, freu’ ich mich unglaublich über eine nette SMS oder einen lieben Anruf. Handy ist in. Handy ist cool. Handy ist geil. Handy ist eben handy.

Und ohne meinen mobilen Freund gäbe es heute abend anstelle eines leckeren Risottos nur die Reste von gestern.

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Eilandkeuken

Wer Texel bereist hat, weiss vielleicht, dass die kleine niederländische Watteninsel nicht nur ein Kleinod für Ruhesuchende und radelnde Individualisten ist, sondern auch dem gaumenverwöhnten Feinschmecker ein Mekka voller kreativer Genüsse bietet. Nachdem ich doch einige Zeit auf Texel verbracht habe, erlaube ich mir eine kleine kulinarische Reise quer über die Insel, die nicht nur mit ihren berühmten Pannekoeken aufwartet, sondern auch ihre ganz besondere Inselküche präsentiert – eben die Eilandkeuken.

 

Het Schoutenhuys

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Für mich die unangefochtene Nummer eins; insbesondere deswegen, weil das Lokal dem Besucher die Qual der Wahl abnimmt. Hier gibt’s nämlich keine Speisenkarte, sondern nur ein Gericht, oder besser: Gerichtlein, denn ausser den ‚gerechies‘, die dort serviert werden, gibt’s nicht anderes. Einzig und einzigartig, denn für knappe dreissig Euro wandelt man durch einen kulinarischen Tempel der Inselküche mit verschiedensten texeltypischen ‚Tapas‘, denn ‚gerechies‘ bedeutet nichts anderes als kleine Happen, die im Schoutenhuys in vielen Gängen serviert werden – Slowfood vom feinsten. Die aufmerksamen und kompetenten Kellner ergänzen das kreative Kulinarium freundlich, ehrlich und zurückhaltend. So sollte es sein – eine Inselküche, die nicht nur Freude, sondern auch satt macht.

Aber auch geschichtlich wandert man auf einem höchst interessanten Pfad. Das Schoutenhuys war einst ein hoheitliches Amts- und Gerichtsgebäude; den Schouts oblagen nicht nur die gerichtlichen, sondern auch die steuerrechtlichen Belange der Stadt. Wen wundert es, dass die hoheitlichen Aufgaben damals schon mit einem besonders guten Mahl belohnt wurden? Fünf Sterne.

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Vincent Eilandkeuken

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Nicht nur Gaullt Millau bescheinigen Vincent & Miriam beste Kritiken – auch ich schliesse mich an. Nicht nur das Dinner im ‚Haupthaus‘, das heimelig versteckt im Grünen der Insel liegt, sondern auch der Salat mit Käse von glücklichen Inselschafen in der City Lounge haben mich überzeugt. Nur beste Zutaten, frisch auf den Tisch, garniert mit der Prise neuer Ideen, die die Insel unnachahmlich prägt. Allein hätte ich mir gewünscht, die Portionen hätten jenen Seemann gesättigt, der sturmumpeitscht den Weltmeeren trotzte. Viereinhalb Sterne.

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Catharinahoeve

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Was wäre Holland ohne seine Pannekoeken? Auf Texel fährt man nach Catharinahoeve, um die besten der Insel zu kosten. In den Sommermonaten lädt der Biergarten zu einer Pause ein, im Winter lümmelt man sich vor dem riesigen, offenen Kamin und vertreibt sich die Zeit, bis ein Tisch frei ist. Denn leider ist das Bauernhofrestaurant längst kein Geheimtipp mehr und gerade am Wochenende empfiehlt sich eine frühzeitige Reservierung. Wer dort keinen Pannekoeken probiert, ist selbst schuld. Viereinhalb Sterne.

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De Texelse Visspecialist

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 Auch wenn das Ambiente nur eine ’schnelle Mahlzeit‘ vermuten lässt, ist der Fischspezialist in Oudeschild noch immer Nummer eins für den leckersten und frischesten Fang aus dem Meer. Kein Wunder – denn im Hafen von Oudeschild laufen tagtäglich die Kutter ein. Egal ob Kibbeling oder Garnelen; der Liebhaber der Meeresküche kommt hier garantiert auf seine Kosten. Ungewohnt, aber nützlich sind die ‚Pieper‘, die Alarm schlagen, wenn die Bestellung zum Verzehr bereit liegt. Viereinhalb Sterne.

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De Texelse Chocolaterie

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Es ist wahrlich die Adresse für den wahren Schokoladenliebhaber – als Freund der erlesenen Kakaobohnen erlaube ich mir dies zu wissen. Zwar liegt die kleine Manufaktur versteckt im Gewerbegebiet bei Den Burgh, doch Lia und Nanne-Jan beweisen meisterlich, dass sich im Teamwork am besten die edlen Schokoladen mit den inseltypischen Zutaten zusammen führen lässt. Im Ergebnis vollendete Schokomagie mit hohem Suchtfaktor. Fünf Sterne.

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Wijngaard De Kroon

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Texel ist immer für Überraschungen gut und oft trifft man das an, was man nicht vermute hätte. Werdenkt schon, dass so hoch im Norden Europas Weinbau betrieben wird? Jan-Jaap Kroon, ein junger und ehrgeiziger Winzer beweist allerdings, dass selbst auf knappen drei Hektar sandigen Bodens Weine wachsen, die zwar nicht mit den grossen Gewächsen namhafter Güter mithalten können, dafür aber ihren eigenen, ganz besonderen Charme entwickeln und die Inselküche harmonisch ergänzen. Vier Sterne.

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 De Kroontjes

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Ein ehrliches Lokal mit hohem Wohlfühlfaktor am Rande von De Koog. Wenn auch die äusserliche Erscheinung eher unscheinbar daher kommt, sorgen Gerda und Ronald für ein Ambiente, das Auge und Magen gleichermassen zufrieden stellt. Texelse lam ist hier eben so zuhause wie ein belgischer Boeren Breugel und die hausgemachten Kroketten aus Waldpilzen mit Trüffelmayonaise beweisen, dass man sich nicht scheut, selbst einfachste Gerichte für den erlesenen Gaumen aufzufrischen. Vier Sterne.

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Paal 17

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Wer glaubt, dass sich die gastronomischen Ergüsse der Niederlanden ausschliesslich im Landesinneren befinden, wird im Strandpaviljoen Paal 17 eines besseren belehrt. Immer wieder gerne nutze ich die Gelegenheit, bei meinen langen Strandwanderungen dort eine kleine Pause einzulegen, aber auch nach Sonnenuntergang bleibt ein Dinner mit traumhaftem Meerblick ein Erlebnis der besonderen Art. Vier Sterne.

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Sjans

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Wenn auch die website ein wenig Ballermannfeeling versprüht – bei Sjans ist man immer an der richtigen Adresse. Jedenfalls dann, wenn man(n) Lust auf eine satte Portion Fleisch hat. Welcom bij Sjans – der Titel ist Programm. Inmitten des pulsierenden Insellebens auf der Dorpstraat in De Koog  isst man hier Steaks & Burger. Die Portionen sind nicht nur üppig, sondern punkten auch qualitativ. Vier Sterne.

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Texel Culinair

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Leider kann ich nächstes Jahr nicht mit dabei sein, wenn Texel seine Tore für die Feinschmecker öffnet: Texel Culinair. ein Event, dass jedes Jahr Anfang September stattfindet und die kleine Insel in kulinarischem Atem hält. Ein Festival der Genussmagie, ein Mekka für Gaumenfreudige, und das drei Tage lang. Drei Tage steht die kleine Watteninsel unter Strom – drei Tage des kulinarischen Wahnsinns, das nicht nur die Spiztenköche Texels an ihre Grenzen treibt. Immerhin gilt es, einen Preis abzuräumen. Geschmackssache – ich erfreue mich an den vielzähligen genialen Kreationen, süffel meinen Wein und freue mich auf’s nächste Mal. „Geweldig! Elk jaar kom ik speciaal voor Culinair.“ – so ein Kommentar. Dem ist nichts mehr hinzufügen…

Red Sails In The Sunset

Genau dieses Bild hatte ich vor Augen: Eine glutrote Düne, die sich in den stahlblauen Himmel schwingt. Im Vordergrund ein fast schwarzes Fragment, das dem farbigen Essemble seine kargen Äste gespenstisch entgegenstreckt. Dieses Bild hatte sich in mir eingebrannt, als ich vor vielen Jahren einige Fotos der Namibwüste in einem Reisekatalog entdeckte. Es war die unendliche Schönheit des Einfachen, eine geheimnisvolle Komposition aus Millionen Jahren Erdgeschichte und polychromer Entrückung.

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Die Landschaft präsentierte sich rau und manchmal unwirtlich, und nur vereinzelte ländliche Gemeinden passierten wir auf langen Fahrt, die uns vom kleinen Ort Aus im Süden, wo wir die letzten Tage verbracht hatten, wieder in die Landesmitte bringen sollte. Die Erosion ist in diesem Gebiet weit fortgeschritten. Das NamibRand Nature Reserve – abgerundete Hügel, trockenes Gelände und ‚gefoltertes Gestein‘. Das flächenmässig grösste Naturschutzgebiet des Landes ist ein Eldorado für Menschen, die die Einsamkeit und die ‚unüberhörbare‘ Stille  der Wüste und deren Faszination suchen. Weite Sand- und Gesteinsflächen wechseln mit endlos schimmernder Graslandschaft und bizarre Gebirge definieren den Gegensatz.

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Selten habe ich mich so auf ein erfrischendes Bad gefreut. Wir alle waren froh, als wir nach über 350 Kilometer Schotterpiste das Camp aufgebaut hatten und uns – verstaubt und verschwitzt, in den kleinen Pool fallen lassen konnten. Die letzten Tage im Süden waren kühl und während der Fahrt sorgte die Klimaanlage dafür, dass wir die Temperaturschwankung gar nicht wahrnahmen. Doch hier im Sesriem Camping Site schlägt die Namib erbarmungslos zu.

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Touch me, desert! Am späten Nachmittag zieht es uns trotz des brennend heissen Windes auf eine erste Berührung. In knapp fünf Kilometer Entfernung vom Camp erhebt sich die Elim – benannt nach der Farm, die hier einst lag. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet ‚Bäume‘ und das Alte Testament erzählt von Wasserquellen, Palmbäumen und dem Ort, an das Moses sein Volk nach der langen Wanderung durch die Wüste geführt hat.

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Auch wenn die mit Grasbüchel bewachsene Düne scheinbar einfach zu besteigen scheint – mühsam ist der Weg nach ganz oben, denn nur dort offenbart sich die Elim mit ihrer atemberaubenden Vielfalt an farbenfrohen Details und Ausblicken in eine sagenhafte Umgebung, die sich in der rasch sinkenden Sonne immer wieder neu präsentiert.

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Die herrlichen Farbenspiele begleiten uns lange, bis die Sonne das glühende Rot endgültig in ein erdiges Ocker verwandelt und den Himmel auffordert, seine Sternenpracht über die sich schlafen legende Erde auszubreiten. Immer wieder bleiben wir stehen – atemlos, um den Augenblick einzufangen. Den Moment, wo die Sonne hinter den fast schwarzen Dünensegeln abtaucht und ein magisches, ja königliches Violett hinterlässt.

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Sossusvlei – schon der Name treibt einem die Schweissperlen auf die Stirn. Sossus stammt aus der Sprache der Nama, die hier einst lebten, und bedeutet ‚blinder Fluss‘ und vlei steht im Afrikaans für einen kleinen, flachen Tümpel. Es gibt Zeiten, da schafft es das Wasser des Tsauchab River tatsächlich von den Naukluftbergen bis in die Sandwüste und haucht den Ton- und Lehmpfannen für einen Augenblick Leben ein, doch der Umstand, dass nennenswerte Niederschläge in den letzten Monaten ausgeblieben sind, lässt uns nur auf aufgerissene und zerfurchte Erde schauen.

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Noch weit vor Tagesanbruch erwacht das Camp zu geschäftigem Leben. Alle wollen nur das Eine: Den Sonnenaufgang an einem der schönsten Orte der Welt erleben. Die Luft knistert und der Himmel öffnet seine Pforten für einen der schönsten Tage, die ich meinem Leben erfahren durfte.

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Bis zur dune 45 sind es eben 45 Kilometer, und dann braucht es noch einige Zeit, sich im fluffigen Wüstensand ganz bis nach oben zu kämpfen. Aber die Mühe lohnt sich. Wenn die Sonne endlich über die schwarze Bergkette am Horizont kriecht, erlebt man sein ‚rotes Wunder‘. Wie könnte ich einen Augenblick beschreiben, dessen Schönheit sich immer wieder von neuem eröffnet? Es leuchtet, es glitzert, es glimmt. Scheinbar schwerelos eine Sinfonie in Blau, Lila, Rot, Rosa, Altweiss und Ocker – eine Melodie im Rhythmus der Natur, die niemals verstummt.

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Auch wenn ich nicht allein war, habe ich doch einige Zeit dort oben verbracht und über Gott und die Welt und alles mögliche andere nachgedacht. Längst abgelegte Gedanken, die hier sich hier Zeit und Raum nehmen, neu erlebt zu werden. Ein Freund von mir würde wohl anmerken, es wäre Zeit für ein Gedicht. Und so ganz unrecht hätte er nicht, und ich wünsche mir, diesen Moment mit ihm teilen zu können. Hier oben ist eben alles anders. Hier vereinigen sich Jahre zu einem einzigen Moment – hier wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr die Spurensuche zu meinem Leben gehört. Hier bin ich ich.

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Nach einem deftigen Frühstück mit ‚ham & eggs‘ führte uns der Weg ins Nana Vlei. Hier weicht das satte Orangerot einem blassen Hellgelb, während die Sonne rasch an gewinnt und die Schatten schrumpfen lässt. Kameldornbäume saugen mit ihrem tiefen, weit verzweigten Wurzelwerk die letzten Reserven aus dem Boden, während in ihrem Schatten Oryx-Antilopen vor der unerträglichen Mittagshitze Schutz suchen.  Wie der Baum selbst sind auch die Tiere, die hier leben, genügsame Überlebenskünstler in widriger Umgebung.

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Die prächtigen Oryx-Antilopen haben sich im Laufe der Evolution an das Leben in der Wüste angepasst. Sie können, ähnlich wie Kamele, längere Zeit ohne Wasser auskommen und dabei ihre Körpertemperatur über 45 Grad ansteigen lassen, ohne Schaden zu nehmen. Möglich ist das dank der besonderen Konstruktion ihrer Halsschlagader, die wie ein Wärmetauscher funktioniert. Es sei jedoch gewarnt: Auch wenn die Tiere den Kontakt mit dem Menschen scheinbar nicht scheuen, kann die Unterschreitung einer gewissen Distanz lebensgefährlich sein. Oryx wissen sich gegen ihre potentiellen Feinde wie Raubkatzen und Hunde zu behaupten und forkeln alles nieder, was sie bedroht oder angreift.

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Die Wüste lebt. Auch wenn man stundenlang in einer scheinbar ausgestorbenen Welt umherschweift – das Leben findet im Verborgenen statt: Schlangen, Käfer, Spinnen und Skorpione verkriechen sich im allgemeinen vor der grossen Hitze unter Steinen, Gestrüpp oder in Erdlöchern. Sie alle haben eine eigene, geniale Strategie entwickelt, um ihren Wasserbedarf zu decken: Die lebenserhaltene Flüssigkeit nehmen sie mit ihren Beutetieren auf, die aus bis zu 70 % aus Wasser bestehen. Erfahrene Führer können diese Bewohner aufspüren, aber selbst in der Natur herumzustochern sollte man tunlichst unterlassen. Um im unbarmherzigen Überlebenskampf bestehen zu können, hat Mutter Natur so manchem Lebewesen einen hochprozentigen Cocktail an Toxinen mit auf den Weg gegeben, der auch für den Menschen gefährlich werden kann.

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‚Jetzt suchen wir den Tod‘, dachte ich, und tatsächlich ist es nur ein Augenblick, der über Leben und Sterben entscheidet. Die Wüste erscheint auf den ersten Blick unbarmherzig und grausam, aber wer mit ihr lebt und sich ihren Regeln unterwirft, wird erkennen, dass sie im tiefsten Inneren eine Oase sein möchte. Ein Ruhepunkt im Leben, an dem man – einmal wirklich angkommen, verweilen und neue Kraft schöpfen kann. Jedenfalls mir erging es so…

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Sesriem kommt aus dem Afrikaans und bedeutet ses riem, also ‚Sechs Riemen‘. Das Aneinanderknüpfen von sechs Riemen aus den Häuten der Oryx-Antilope war nötig, um Wasser aus diesem Canyon schöpfen zu können – manche Erzählungen sprechen auch von Ochsenfellen. Mittlerweile sind die Schöpfenden längst weitergezogen und nur wenige Wasserstellen inmitten des schieferartigen Gesteins sind erhalten geblieben. Ein winziges Überbleibsel, das sich in Regenzeiten in ein Märchenland verwandelt. Auch wenn dies durschnittlich nur alle 10 Jahre einmal vorkommt, bleibt ein Spaziergang durch die bizarren Felsformationen des uralten Gesteins ein besonderes Erlebnis. Der Sesriem Canyon hat sich im Laufe von zwei Millionen knapp einen Kilometer lang und bis zu 30 Meter tief in das Sedimentgestein hineingefressen; ein Winzling gegenüber seinen namhaften und spektakulären Verwandten. Doch der Sonnenuntergang beschreibt seine ganz eigene, archäische Schönheit und beweist, dass er den Vergleich nicht scheuen braucht.

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Wieder einmal geht ein Tag vorbei und ich geniesse den Sonnenuntergang im Canyon in vollen Zügen – gerade so, als wäre es der letzte. Morgen liegt ein langer Tag vor mir. Ein Tag voller neuer Impressionen, Abenteuer und Herausforderungen.. ein afrikanischer Tag eben.

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Red Sails in the Sunset –  es war jene olle Kamelle der jungen Beatles, die mir abends am Lagerfeuer in den Sinn kam. Genau so hatte ich die Namib gerade erlebt: Rote Segel inmitten eines Meeres, das seine Ufer in alle Winde verstreut und auf dessen Wellen ich mich wohlig treiben lasse.

Ort der Erleuchtung

Ja, ich führe ein Doppelleben.

Tagsüber sitz’ ich auf meinem zugegeben bequemen Pupssessel in einem nichts zur Sache tuenden Amt in einer noch weniger zur Sache tuenden Stadt und schiebe Akten – abends verwandle ich mich in eine 21jährige bisexuelle Studentin mit viel Sinn für Sinnlichkeit und noch mehr stattlicher Oberweite. Die Internet- Community ‚love4ever‘ machts möglich.

Bei ‚love4ever‘ bin ich also fast allabendlich unter dem Pseudonym „Jeanette“ unterwegs. Im Grunde schlägt Jeanette’s Herz für ihre beiden grossen Leidenschaften: Transzendentalphilosophie und Poppen. Die „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant und „How To Make Love Like A Pornstar“ von Jenna Jameson stehen auf ihrer Literaturliste; als grosse Vorbilder dienen ihr die Lebenswerke von Descartes, Vin Diesel, Beate Uhse und Howard the Duck. Kurz gesagt: Jeanette ist eine total überzogene und vollkommen unrealistische Karikatur meiner blühenden Fantasie.

Dass es Mädels wie Jeanette einfach nicht gibt, bedeutet aber nicht, dass ihr die Kerle nicht reihenweise hinterherlaufen und sie hemmungslos angraben. Täglich landen mindestens acht Nachrichten in ihrem Posteingangsordner. Manchmal ist es nur ein schüchternes „Hallo“ verbunden mit ein oder mehreren Momentaufnahmen des primären männlichen Geschlechtteils. Der etwas romantischere Typ hingegen vermeidet tunlichst die Übermittlung seiner Schwanzbilder und lobt erst einmal die Qualität ihrer Brüste, bevor er im nachfolgenden Satz bedauert, dass es ja leider kein Foto von Jeanette’s Augen gibt. Und dann gibt’s natürlich noch die ganz Cleveren, die ihr Nacktfotos abluchsen wollen, indem sie sich entweder als Vollblutlesbe ausgeben oder aber gerade eben auf den bisexuellen Geschmack gekommen sein wollen. Aber hey, euch erkenn’ ich sofort! Wie sagt man so schön: Du willst mir doch nicht meine eigenen Tomaten verkaufen?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob Jeanette’s sabbernde Verehrergemeinde einfach zu naiv ist, um Eins und Eins zusammen zu zählen, aber ich glaube mittlerweile, es ist noch um einiges schlimmer: Die Illusion einer Frau, die beim geringsten Fingerschnippen in ohnmächtige Wallung gerät, ist für viele Männer so wichtig, dass sie einfach nicht unwahr sein darf.

Ein gerade mal volljähriger Pickeljüngling aus der grossen Schwachmatengemeinde schrieb Jeanette: „Du bist wirklich sexy. Die erste, die ehrlich ist in ‚love4ever‘. Find’ ich cool. Meld’ dich mal.”

Tja, also hier bin ich. Sorry – und das wird nicht deine letzte Enttäuschung sein.

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Frauentausch

„Ich bin ab halb neun zuhause, komm‘ doch noch vorbei, wenn du magst.“

Ja, warum eigentlich nicht. So herrlich spontan, wie ich das mag. Und nur zehn Minuten bis zu ihrer Wohnung. Ich frage mich, wonach mir der Sinn steht. Zu erzählen hätte ich genug. Viel ist passiert in den letzten Wochen, aber nur wenig, was sie interessieren darf. Vielleicht möchte ich mich auch einfach nur anlehnen und meine Klappe halten. Vielleicht ein paar Streicheleinheiten geniessen. Vielleicht auch vögeln. Und vielleicht wird irgendetwas von alldem sogar passieren, sollten unsere Sinne sich denn irgendwo in der Mitte treffen.

Wir haben noch keine Namen füreinander. Bekannte, Freunde, Kumpel/-ine – das alles scheint nicht recht zu passen. Bis jetzt jedenfalls noch nicht. Wir stehen an einer Stelle, wo noch alles werden kann. Oder auch gar nichts. Aber keine sich fixierenden Ideale, auf die man blind losrennt. Eher ein wachsames Umschleichen, was jetzt schon einige Wochen anhält. Und das auch nicht regelmässig. Mal zusammen abgefeiert, mal gemeinsam abgetaucht, mal gegenseitig angezickt , mal so und mal so. Und so einfach. Kein Muss dahinter, nicht mal ein Soll. Nur ein Kann.

Immerhin brannten Kerzen im Wohnzimmer, wenn auch der Fernseher im Hintergrund lief und nicht ganz zu der restlichen Atmosphäre passte. Aber es störte mich nicht einmal. Im Gegenteil, vielleicht war gerade er für die gewohnte Ungezwungenheit verantwortlich, die ich in ihrer Gegenwart empfinde. Unsere Sinne trafen sich in einer angeregten Unterhaltung über ihre letzten Tage oder, besser gesagt, sie redete und ich hörte zu. Ihre Jobsuche gestaltet sich doch schwieriger als zunächst erwartet. Wieder zwei Absagen. An Urlaub nicht zu denken und die Wohnung muss auch dringend renoviert werden.

Ich war froh darüber, selbst nicht viel reden zu müssen. Je mehr sie erzählte, desto mehr rückten meine eigenen Probleme von mir ab. Nur das Stechen in der Magengegend seit Montag und die Tatsache, am Ende doch nicht das bekommen zu haben, was ich mir gewünscht hatte. Es war nicht mehr als ein Traum, der mir zuflog, zwei Wochen verweilte und sodann wieder im Himmel verschwand. Zu kurz, um dem wirklich eine Bedeutung zuzumessen, aber gerade ausreichend, um für den Augenblick den Boden unter den Füssen zu verlieren. Jung und makellos und anders war sie. Wenn ich sie jetzt bloss nicht als Massstab vor Augen hätte… das macht mir ein wenig Angst.

„Ach, jetzt kommt ja ‚Frauentausch‘. Kennst du das?“
Meine Couchnachbarin angelte sich eine Zigarette und liess sich gemütlich in die Kissen fallen. Das einzige, was mir in dem Zusammenhang einfiel, waren Frauen, die untereinander Zigaretten und Deo und dergleichen tauschten – dies allerdings gut weggeschlossen und ohne Bewährung.
„Das war ‚Frauenknast‘. Beim ‚Frauentausch‘ wechseln zwei Frauen für eine Zeit die Familie.“
Ach, dachte ich, wieder ’ne neue Doku-Soap, die die Welt nicht braucht. Ich weiss schon, warum mein TV meistens kalt bleibt.

Frauentausch – In jeder Folge dieser Doku-Soap ziehen zwei Frauen aus komplett unterschiedlichen Umfeldern für zehn Tage zu der jeweils anderen, ganz unbekannten Familie. Zwei Frauen – zwei Welten. Also ein wenig kam ich mir auch vor wie in ’ner anderen Welt, als sich die erste von den beiden Zaubermäusen vorstellte. Nancy, knapp achtunddreissig und optisch die Mischung aus Angela Merkel und einem Bratapfel, wirkte schon am Anfang recht befremdlich auf mich, und das sollte sich während der Sendung sogar noch vertiefen. Eine praktizierende Vollblutchristin – ständig mit der Bibel im Gewand und dem Arbeitsplan für die sieben Blagen im Handgepäck. Und ständig irgend ein Requiem, das sie trällert. Das graue Haupthaar lustlos zu einem Zopf zusammengebunden liess der Rest ihres Anlitzes die Vermutung zu, dass Seife im Haus nur unnötiger Luxus ist. Einmal Warmwasser in der Woche reicht schliesslich vollkommen aus. Nicht besonders erwähnt werden muss, dass sie bei ihrer Kleiderwahl ähnlich ‚anspruchsvoll‘ ist. Willkommen im Mittelalter. Doris hingegen scheint da schon etwas weltoffener durch’s Leben zu schreiten, wenn auch ihre knapp vierzig Erdenjahre und fünf Sprösslinge nicht spurlos an ihr vorübergegangen sind.

Tja, und da fand sich die heilige Nancy auf einmal in einem Clan von Ungläubigen wieder und wusste nicht recht, wo sie mit den Bekehrungsversuchen beginnen sollte. Die Karten, oder besser gesagt: die Bibel gleich bei der Ankunft auf den Tisch zu legen, war taktisch unklug aber geradezu bezeichnend und liess das befürchten, was folgen sollte. Die beiden schon fast erwachsenen Töchter waren über Nancy’s missionarische Unternehmungen nicht sonderlich erfreut und auch Doris‘ Mann zeigte sich ein wenig befremdlich, als die neue Hausgenossin gleich am ersten Tag in den Küchenschränken nach vergammelten Brotkrumen fahndete. Vielleicht hätte sie das Gefundene auch einfach wortlos entsorgen können, anstatt jedes Mal nach dem Hausherren zu krähen. Der nächste Aufhänger erschien nur kurze Zeit später in Form eines vollbepackten Bügelkorbes, der sogleich neu sortiert werden musste. Ehrlich gesagt, ich hatte ihr glatt zugetraut, dass sie überhaupt nicht bügelt, aber sie fand dann doch das ein und das andere Stück, was sie in bei näherer Betrachtung in Erwägung ziehen wollte, es dem Plätteisen unterzuschieben. Aber so ganz einig mit sich selbst war sie da auch noch nicht, so dass der Hausherr erneut zur Rate gezogen wurde. An dem Abend hat er den ganzen Korb Wäsche selbst gebügelt, aber immerhin hat er den Schauplatz unbeschadet und ohne grössere Diskussionen verlassen können. Ich beneidete ihn um seine Ruhe. Die Situation drohte schliesslich zu eskalieren, als sie am nächsten Tag im Bad-Eimer so ganz „zufällig“ Zigarettenstummel entdeckte und sich trotz intensiver Nachforschung kein Verursacher dieser Freveltat ermitteln liess. Und natürlich wurde der Herr des Hauses unter plärrendem Klagegesang zur Stelle und zur Verantwortung zitiert. Ich bewunderte wiederum den stahligen Geduldsfaden von Doris‘ Herzallerliebsten, denn ich hätte die Nachwuchsheilige spätestens an diesem Punkt auf den Scheiterhaufen gebunden.

Währenddessen machte sich Doris in ihrer neuen Familie beliebt. Den Schock vom Blick in den Kleiderschrank ihrer Tauschgenossin hatte sie überwunden, und am Abend gab’s Nudelauflauf anstatt Hirsebrei und das auch noch ohne lange Lobgesänge vorneweg. Für die Kid’s war’s ein Fest. Und am nächsten Tag zu Esprit, um etwas Farbe in die steingraue Altkleiderwelt der pubertierenden Teenager zu bringen. Ja, natürlich sponsern das die Fernsehfritzen, aber darum geht’s ja nicht. Etwas bunter ging’s jetzt auch in den Jugendzimmern zu – ein Stapel Bravo’s und andere einschlägige Zeitschriften, die bisher tabu waren, wurden ihrer Starposter beraubt, die von nun an die bis dahin fast kahlen Wände schmücken sollten. Schnell entwickelte sich ein inniges Verhältnis zwischen Doris und den Kids, die das neue Leben mit ihrer Leihmutter offensichtlich sehr genossen. Sie aßen und lachten und weinten zusammen. Doch die teilweise realitätsfremden Geflogenheiten in dieser anderen Welt machten ihr zu schaffen. Als sie den heiligen Arbeitsplan zerriss, der nach ihrer Meinung hart an der Grenze zur Versklavung der Pappenheimer lag, wurde Nancy’s Mann, der sich ansonsten am liebsten im Hintergrund aufzuhalten schien, ein wenig mürrisch. Immerhin sei der Plan mühevoll erarbeitet worden. Und ausserdem schlafe Nancy nach Mittag gerne immer etwas. Undundund. Ja nee, ist klar – fortwährender Minnegesang kann auf Dauer anstrengend werden, und wer schläft, sündigt schliesslich nicht.

Unsere Betschwester bewegte sich mittlerweile auf immer dünner werdendem Gefrorenem, und das nicht nur auf Schlittschuhen. Ein Familienausflug zur Eisbahn sollte retten, was zu retten ist, aber irgendwie konnte sie auch dort nicht wirklich punkten. Wenn Doris‘ Männe sich nicht an die Hand nehmen lassen will, dann will er eben nicht. Vor allem nicht, solange sie psalmensummend über’s Eis schwebt, als wäre gerade der heilige Geist in ihr eingekehrt. Erwähnte ich schon, dass ich ihn verstehen kann? Ich war allerdings überrascht, dass sie ’ne Jeans trägt, dazu noch eine gut sitzende, aber meine Couchnixe neben mir meinte nur, dass diese in Ausnahmesituationen auch vom Sender finanziert werden. Ach so. Die Situation wurde tatsächlich immer ausnahmeähnlicher; Nancy’s ständiges Trällern gottgefälliger Lobeshymnen konnte selbst den geduldigsten Zuschauer in den Wahnsinn treiben, insbesondere weil sie nun begonnen hatte, dazu im mittelalterlichen Reigen zu tanzen. Meiner Meinung nach musste Doris‘ Göttergatte, der das Spiel scheinbar in himmlischer Ruhe ertrug, innerlich kurz vor einem mittelschweren Nervenzusammenbruch stehen. Aber ich glaube, ich sagte bereits, dass ich ihn bewundere. Und der Nachwuchs begann sogar freiwillig mit dem Beten, dass diese Zeit schnell vorbei ginge. Nur einmal konnte sie uns fast ein wenig leid tun, wo ihre schon fast dämliche Fröhlichkeit urplötzlich in einer kleinen Trotzszene endete und sie damit drohte, das Haus vorzeitig zu verlassen. Keiner hat widersprochen, aber sie blieb trotzdem bis zum bitteren Ende.

Abschiedstränen gab’s dann eher auf der einen Seite, denn der Gedanke, dass die Supernannydoris jetzt wieder das Feld räumte, gefiel Nancy’s Kindern keineswegs, und noch weniger gefiel ihnen die Tatsache, dass die Poster nun in den Mülleimer wandern würden und anstelle von Mama Miracoli die Hirsebreifrau wieder den Kochtopf übernehmen wird. Aber man würde sich auf jeden Fall wieder sehen. Auf der anderen Seite hingegen fiel der Abschied erwartungsgemäss etwas weniger spektakulär aus und die Zurückgebliebenen ertrugen die Umarmung ob der Gewissheit, dass nun wirklich alles vorbei ist, tapfer. „Ach, das war klar – unrasierte Achselhöhlen “ Die Bemerkung konnte sich die Coucheline neben mir dann doch nicht verkneifen, und mir war auf einmal so, als verspürte ich einen leicht iltisartigen Geruch, der aus dem Fernsehen zu kommen schien. Und tschüss – Doris‘ Mann sog genüsslich an der ersten Zigarette seit Tagen, als der Wagen mit Nancy um die Ecke verschwand.

Und dann folgte ja noch das Finale. Auf einer Autobahnraststätte, als sich die beiden Austauschmuttis dann zum ersten und wohl auch zum letzten Mal begegneten. Auge in Auge, von Frau zu Frau und von Welt zu Welt. Dass es dabei nicht zu schwerwiegenden tätlichen Auseinandersetzungen kam, ist wohl grösstenteils der Anwesenheit der Kameras zu verdanken. Doris tobte, während Nancy beseelt singend vom Parkett schwebte. Das war er also, der Frauentausch. Zwei Frauen – zwei Welten.

„Eigentlich sind Menschen wie Nancy zu bewundern.“ Meine Couchhäsin richtete sich auf und räkelte sich verführerisch. „Sie leben in ihrer eigenen kleinen Welt, haben ’ne Familie und einen unbeirrbaren Glauben und lösen Probleme mit einem Liedchen. Und ich werde so langsam müde.“

„tralalalala“ erwiderte ich daraufhin nur.

Draussen auf der Strasse zündete ich mir ein Zigarillo an und liess den Rauch genussvoll durch Lunge und Nasenlöcher ziehen. Und ich musste schmunzeln. Wer ist eigentlich Gott? Und wenn’s ihn gibt, hätte er dann nicht die Kiste ausgeknipst und uns vögeln lassen?

Ach… tralalalala…

. . .

Frau Schimanski

Rrrrrrrrrrrring…

Es war das eindringliche Läuten des Telefons, das mich jäh aus meiner lethargischen Schweigeminute kurz nach der Tagesschau riss.

Bewaffnet mit ein paar übrig gebliebenen Salzkräckern vom Wochenende und einer Flasche Cabernet hatte ich mich gerade auf die Couch gelümmelt und suchte nach der Fernbedienung, da mein TV meistens kalt bleibt und die Funktastatur offensichtlich aus Langeweile ein Eigenleben entwickelt hat.

„Wer stört?“ maulte ich in den Hörer, während ich die Sofakissen nach der verschwundenen Flitsche durchforstete.

„Steinhaus hier, guten Abend.“

„Guten Abend Frau Steinhaus, ich wollte gera…“

„Ich störe hoffentlich nicht, ich kann auch gerne morgen noch mal anrufen, obwohl… es wird nicht lange dauern, denke ich…“

Soso – denkt sie das also. Da denke ich allerdings ganz anders. Frau Steinhaus ist meine Nachbarin und darüber hinaus eine allein stehende Frau in den Mittfünfzigern. Ihr Mann war „nur mal Zigaretten holen.“ – Das ist jetzt allerdings fast drei Jahre her und mittlerweile hat sie die Hoffnung aufgegeben, dass er den Weg nach hause allein zurückfinden wird. Vom Typ her erinnert sie mich ein wenig an die weißgekittelten Schlusen, die einem an der Eingangstür bei ‚Douglas‘ mit Zahnpastalächeln und drei Flakons gefüllt mit hochprozentigen Duftstoffen entgegenstürzen. Die Haare wasserstoffblond gefärbt und eine Haut wie ein sonnenbankgeschädigtes Albinokaninchen – immerhin hat sie es in den letzten zwei Jahren geschafft, ihre Kleidergrösse auf achtundreissig herunterzuhungern.

„Na ja, eigentlich wollte ich gera…“

„Oder ich kann auch mal schnell vorbeikommen, es dauert auch nicht la…“

„Neiiiiiiiiiiiiiiiin… ääh, ich meinte, ich komme gerade aus der Dusche.“

Und das stimmte sogar, nur dass der eigentliche Grund in wenigen Minuten beginnen würde und ich diese verflixte Fernbedienung immer noch nicht gefunden hatte. Ein Tatort mit Schimmi, wenn auch in der neunten Wiederholung, ist für mich immer noch der beste Grund, meinen Fernseher mal wieder zu entstauben.

„Dann erzähl‘ ich’s Ihnen kurz am Telefon, es ist nämlich…“

„Hab‘ sie!!!“

„Was haben Sie?“

„Na, die Fernbedienung!“ Beseelt angelte ich das verwunschene Teil unter der Couch hervor.

„Ach so, Sie wollten sicher Fernsehen gucken. Was läuft denn schönes?“

„Schimanski im Dritten.“

„Den hab‘ ich ja auch immer gerne gesehen. Also spannend bis zur letzten Minute. Und dann dieser Kommissar. Wie hieß er noch gleich? Georg oder George oder so?!“

„George! Götz George!“

„Genau. Sag‘ ich doch. Also so ein hübsches Kerlchen. Für sein Alter…“

Ich grummele leise vor mich hin. Ja, da hat sie ja nicht unrecht. Auf das Kerlchen kann man fast ’n bisschen neidig sein. Die wohldosierte Mischung zwischen Macho und Weichei – sozusagen die coolste Sau, seit es Tatort gibt.

„Na ja, aber privat soll er ’n Arschloch sein…“ log ich in den Telefonhörer.

„Was passiert denn da jetzt?“

Bitte jetzt nicht das! Ich kenne die Folge zwar in- und auswändig, verspürte aber nicht die geringste Lust dazu, eine ausführliche Inhaltsangabe vortragen zu müssen.

„Ach, wie immer: ‚Ne Bande Waffenschieber macht den Ruhrpott unsicher und bei den Bullen gibt’s ’ne undichte Stelle. Zwei Morde und ein leerer Geldkoffer. Aber am Ende wird alles gut.“

„Schön, also ich muss Ihnen was erzählen. Der Alte von nebenan hat ’nen neuen Zaun gebaut. So was von hässlich und viel zu hoch. Sie arbeiten doch bei Gericht, kann man da nix machen?“

Hääää? Also ehrlich, und ich dachte, sie hätte ernsthaft meinen Ausführungen zum heutigen Tatort gelauscht. Und jetzt der Alte? Mit dem Alten meint sie übrigens den pensionierten Postbeamten, der sich ihre Nachbarschaft mit mir teilt. Ein langweiliger Gnom mit fleischfarbiger Badekappe, langweiliger Ehefrau und noch langweiligeren Hobbys. Eines davon ist wohl das Errichten von Gartenzäunen, denn mir war es gestern abend auch aufgefallen, dass er ein neues, drei Meter hohes Prachtexemplar erbaut hatte.

„Mmmmh, es gibt schönere Zäune. Aber ob man da was gegen machen kann…?“

„Haben sie ihn eigentlich schon?“

„Wen?“

„Na, die undichte Stelle bei der Polizei!“

Ach ja, ich hätte es fast vergessen: Frauen können ja im Gegensatz zu Männern auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig kommunizieren. Sie beginnen ein Thema, schalten sogleich und ohne Vorwarnung auf ein vollkommen neues und kehren im Schlussakkord zum ersten zurück, dem sie sicherheitshalber noch ein paar neue Aspekte hinzugefügt haben.

„Nee, aber Schimmi ist knapp davor: Ihm fehlt nur noch der endgültige Beweis. Und jetzt muss er verdeckt ermitteln, damit er nicht auffliegt.“

„Ist das die Stelle, wo er sich als Penner verkleidet hat?“

„Die war schon.“

„Schade.“

Kein einziges Mal in diesem Tatort hat Schimmi sich als Penner verkleidet, aber ich wollte jetzt auch nicht anfangen zu diskutieren.

„Das ist die Stelle, wo der Alte ääääh Schimmi Leute bis über die Grenze nach Holland verfolgen muss.“

Die Alte äääh Frau Steinhaus machte mich langsam etwas kirre. Die erste halbe Krimistunde war bereits verstrichen und ich hatte so gut wie nichts richtig mitbekommen.

„Sagen sie mal, darf der denn so einfach über die Grenze?“

„Ja klar, das nennt man grenzüberschreitende Ermittlungen. Der darf das.“

„Nein, ich meine, ich habe eben mal nachgemessen. Der Zaun steht nicht genau auf der Grenze. Ein Teil ist auf meinem Grundstück.“

Ich nahm mir fest vor, vor dem nächsten Tatort das Telefonkabel aus der Wand zu ziehen.

„Wie viel ist es denn?“

„Mindestens zwei Zentimeter. Aber sagen sie doch mal, das ist doch verboten, oder?“

Schimmi war mittlerweile wieder wohlbehalten nach Duisburg zurückgekehrt und lieferte sich gerade eine wilde Verfolgungsjagd im Hafen.

„Gleich hat er ihn – an der nächsten Ecke schneidet er ihm den Weg ab. Ääääh, da läuft jetzt gerade die Verfolgungsjagd im Duisburger Hafen. Sorry, wie war das? Ja, das ist verboten. Und jetzt?“

„Also das Verfolgungsjagden im Hafen nicht erlaubt sind, darauf wäre ich auch gekommen. Ist der Verräter denn schon enttarnt?“

„Schon seit mehr als ’ner halben Stunde. Schimmi steht kurz vor dem Abschluss.“

„Soll ich ihn verklagen?“

„Schimmi???“

„Nein, den Alten!“

„Weswegen?“

„Na wegen des Zaunes.“

„Ähm, welcher Zaun? Ach so… wegen der paar Zentimeter…? Vielleicht können Sie ja ’nen deal machen: der Zaun bleibt so, wie er ist, aber dafür wirft er diese dämlich grinsenden Zwerge aus seinem Vorgarten direkt in den Duisburger Hafen.“

„Wohin?“

„Ähm, ich meinte: auf’n Müll.“

„Was war übrigens in dem Koffer?“

„Was? Welcher Koffer?“

„Na, der Geldkoffer.“

Mir war jetzt irgendwie danach, den Koffer mit meiner Nachbarin zu füllen und diesen im Duisburger Hafen zu versenken.

„Der war leer. Nichts drin. Ohne Inhalt. Capisci?“

„Und Sie glauben, der würde sich auf diesen deal einlassen?“

„Was? Mit leerem Koffer?“

„Nein, mit den Gartenzwergen!“

„Dafür muss er ja den Zaun nicht abreissen. Es käme auf einen Versuch an, und wenn Sie ’nen guten Tag erwischen… wer weiss?!

„Ich treff‘ seine Frau ja schon mal beim Bridgeabend. Vielleicht kann sie ihn ja überreden?! Gibt’s schon Tote?“

„Ja, zwei Stück, beide männlich und so was von tot.“ – Und gleich gibt’s die dritte Leiche, grummelte ich vor mich hin.

„Und wer war der Mörder?“

„Der Alte.“

„Was?“

„Ähm, nein, ein Profikiller, der für die Schieberbande arbeitete. Und der ist jetzt auf der Flucht.“

„Ich glaube, dass ist ’ne gute Idee.“

„Bitte…?“

„Da könnte ich sie gleich mal fragen… Wissen Sie, sein Pflaumenbaum hängt doch halb auf meinem Grundstück, und das ist ja vielleicht ’ne Sauerei, wenn die Früchte auf dem Rasen verfaulen.“

„Ja, aber vielleicht stockt er dann den Zaun auf, damit keine Äste mehr herüber wachsen können?“

Ich musste mir gerade vorstellen, wie Frau Steinhaus beim Einsammeln der verfaulten Nachbarspflaumen von einem drei Meter hohen Zaun erschlagen wird. Irgendwo hatte ich doch noch eine Motorsäge…

„Haben sie den Mörder schon?“

„Ja, der ist allerdings schon wieder auf Bewährung draussen und der Geldkoffer vergammelt im Archiv.“

„Ist der Film etwa schon zu Ende?“

Ich flötete nur ein leises „Ja“ in den Äther, obwohl mir in diesem Moment vieles durch den Kopf ging, ich aber das gute nachbarschaftliche Verhältnis nicht trüben wollte.

„Ich muss mir das ganze noch mal durch den Kopf gehen lassen. Andererseits hab‘ ich durch den Zaun im Sommer auf der Wiese ein wenig Schatten, dann brauche ich den Schirm nicht aufstellen und…“

„Schlafen Sie drüber!“

„Danke für den Rat. Gute Nacht, Herr Kommissar.“

„Gute Nacht, Frau Schimanski.“

. . .

Peri Nawa

„Everything’s all right.“

Als ich vor einigen Wochen ein kleines Dorf im Norden Namibias besuchen durfte, war dies eines der wenigen Worte, die ich so schnell nicht vergessen werde. Es liegt wohl weniger an der Sprache selbst – eher sind es wohl die besonderen, wenn auch leider nur kurz angeschnittenen Eindrücke, die bei mir deutliche Spuren hinterlassen haben.

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Das Dorf, das ich besucht habe, wird von Himba bewohnt. Die Menschen eines der letzten halbnomadischen Völker des afrikanischen Südens leben im nördlichen Teil Namibias, dem Kaokoland, aber auch im Süden Angolas.  Obwohl sie Sprache und Kultur mit den christianisierten Herero teilen, lehnen sie westliche Kleidung ab, ziehen die Körperbemalung vor und betonen ihren Haarschmuck.

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Die Frisuren bezeugen den sozialen Stand eines Gemeinschaftsmitglieds. Mädchen tragen ihr Haar in langen, mit Perlenschnüren verzierten und ins Gesicht fallenden Fransen; zu zwei zur Stirn gerichteten Zöpfen hingegen heiratsfähige junge Frauen. In überschulterlangen, gedrehten und mit Ocker eingeriebenen Flechten aus dem Gesicht gekämmt und mit ‚Fellhaube‘ geschmückt, präsentieren sich verheiratete Frauen. In diesem komplizierten Geflecht offenbart sich bereits der Stolz der eigenen Tradition –  viel Zeit vergeht, bis Frau die Haare schön hat.

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Besonders auffällig ist die fettige Creme, mit der sich Männer wie Frauen einreiben. Sie verleiht ihnen nicht nur die typische rote Hautfarbe, sondern schützt auch vor dem extrem heißen und trockenen Klima des Kaokolands und vor Moskitostichen. Sie besteht aus Butterfett und Ockerfarbe, okra genannt. Der färbende Bestandteil im natürlichen roten Ocker ist das Eisenoxid, dazu kommt das aromatische Harz des Omazumba-Strauches.

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Wertvoll sind die Schmuckgegenstände aus Eisen und Erzen, die oftmals über mehrere Generationen weitervererbt wurden. Sie symbolisieren nicht nur Reichtum, sondern unterstreichen auch die archaisch anmutende Schönheit ihrer Besitzerin, die ihn stolz um den Hals und an den Hand- und Fußgelenken trägt. Darüber hinaus sind sie nur mit einem aus Kalbsleder und Kalbsfell hergestellten Lendenschutz bekleidet; der restliche Körper bleibt unbedeckt. Ockerfarbene Haut, traditionelle Haarpracht und variantenreicher Schmuck machen das Schönheitsideal der Himba-Frauen aus. Ein Ideal, das für uns westlich geprägten Besucher vielleicht ungewohnt ist. Aber es stimmt: Die Himba-Frauen sind schön – und sie strahlen eine große Würde aus.

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Wie viele andere afrikanische Stämme verehren auch die Himba ihre Ahnen – die monotheistische Religion stützt sich auf ihren Gott mukuru. Okuruwo, das heilige Feuer der Himba, hüten sie wie einen Schatz. Zwischen der Hütte des Clanchefs und dem Viehkral gelegen, darf es nie erlöschen, denn es stellt die so wichtige, symbolische Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten her. Die Feuerstelle ist der zentrale Teil eines Himba-Dorfes – seine Anordnung auf der Linie zwischen der Haupthütte und dem Tiergehege ist streng vorgeschrieben.

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In ihrer weltlichen Welt dreht sich alles um ihre Kühe und Ziegen. Sie sind der einzige Besitz, der wirklich zählt. Ob ein Himba reich ist, erkennt man an der Größe seiner Herde. Geld oder andere materielle Dinge sind nicht so wichtig. Sie leben im Einklang mit der Natur, die ihr Überleben sichert und sie mit allem Nötigen versorgt: Mopane wird vor allem als Baumaterial für Hütten, Zäune und Vorratskammern genutzt – der braune Kampferbaum dient der Fertigung von Geschirr und Löffeln und auch für die traditionellen Holzkopfkissen.

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Im Dorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein wenig komme ich mir vor wie einem Freilichtmuseum, in dem vergangene Kulturen anschaulich dargestellt werden. Aber das ist die Realität der Himba im 21. Jahrhundert: kein Strom, kein fließend Wasser, kein Telefon, kein Fernseher und kein Handy-Empfang – einfachstes Leben in unwirtlicher Natur.

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Nur für einen kurzen Augenblick durfte ich am Leben eines der letzten Naturvolkes Teil nehmen; viel zu kurz, denn ich hätte mir einige Augenblicke mehr gewünscht, um Kultur, Geschichte und vita näher kennen lernen zu dürfen. Doch wurde mir in diesen Momenten auch klar, dass ich zurückkehren werde.

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Fast unberührt von der europäischen Zivilisation leben heute in etwa 7000 Himba als Viehzüchter, Jäger und Sammler im südlichen Afrika und mein Wunsch allein ist es, dass ein sanfter Tourismus diese ganz besondere Welt dem Spurensuchenden so nahe bringt wie die Sprache, die aus einem lustig anmutenden Kauderwelsch aus Bantu und Afrikaans fragt: „Ua penduka nawa ?“

„Peri Nawa!“ …everything’s all right!

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krauts

Semmelknödel als vollwertige und leckere Hauptmahlzeit

  • 2 altbackene Weizenbrötchen
  • 2 altbackene Roggenbrötchen
  • 150 ml Milch
  • 2 Eier
  • 1 grosse Zwiebel
  • 300 Gr. Sauerkraut
  • 100 Gr. Speck
  • 3 Eßl. gehackte Petersilie
  • 1 Eßl. gehackter Majoran
  • 3 Eßl. Mehl
  • Salz
  • Pfeffer
  • Butterfett

Den Speck in kleine Würfel schneiden und im Butterfett kross anbraten. Die Zwiebel ebenfalls fein würfeln und in der Pfanne glasig werden lassen, aber nicht bräunen. Sodann das fein gehackte Sauerkraut zugeben und fünf Minuten bei kleiner Hitze garen lassen. Zum Schluss die Petersilie unterrühren.

Die Brötchen in kleine Würfel schneiden, mit der erwärmten Milch übergiessen und quellen lassen. Sodann Eier, Majoran, Salz und Pfeffer unterrühren und das ganze mit dem Pfanneninhalt und dem Mehl sehr gut durchmengen. Die fertige Knödelmasse 15 Minuten quellen lassen. Sollte der Teig zu feucht sein, kann man Semmelbrösel unterarbeiten.

Mit feuchten Händen Knödel formen und im siedenden Salzwasser ziehen, aber nicht kochen lassen. Die Knödel sind fertig, wenn sie an die Oberfläche steigen; dies kann je nach Dicke zwischen 30 und 45 Minuten dauern. Sie zerfallen nicht so leicht, wenn man dem Wasser etwas Speisestärke zufügt.

Mit etwas zerlassener Butter serviert eignen sich die Knödel hervorragend als Hauptmahlzeit, man kann sie jedoch eben so gut zu einem deftigen Schweinebraten als Beilage reichen.

* * *

Auge in Auge

Es dauerte nicht mal eine halbe Stunde, bis er auftauchte. Mit leicht erhobenem Rüssel trat er in unmittelbarer Nähe unseres Camps aus dem Mopane-Wald und hielt für einen kurzen Moment inne. Seine eben noch ruhigen Ohren begannen mit leichten Bewegungen zu wedeln, während er seinen Rüssel prüfend in den Wind hob. Ein Bulle, vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt – ein Einzelgänger, wie es bei Elefantenherren nach der Geschlechtsreife normalerweise vorkommt.

Wir bemerkten ihn erst, als er aus dem Dickicht hervorkam. Kein Geräusch, das ihn verriet, kein Brechen von Ästen.

Er senkte seinen Rüssel wieder. Langsam und bedächtig drehte er seinen Kopf in unsere Richtung, während seine Ohren eine nach nach vorne gerichtete Position einnahmen. Sie wedelten nun nicht mehr. So stand er eine ganze Weile dort und schaute beinahe teilnahmslos in unsere Runde. Trotz der Entfernung von knapp zwanzig Metern leuchteten seine Augen in einer Mischung aus Neugierde, Angst, Trauer und Mut bis zu uns herüber.

Wir waren reglos. Wir standen nur da und schauten ihn an. So wie er uns.

Dann drehte er langsam seinen Kopf wieder zurück. Erneut erhob er prüfend seinen Rüssel, kurz bevor er seinen massigen Körper wiederum in Bewegung setzte.

Majestätisch und scheinbar desinteressiert trottete er an uns vorbei. Seine Augen leuchteten jetzt noch mehr, noch intensiver und obschon sie nicht mehr direkt auf uns gerichtet waren, verfolgten sie doch jede noch so kleine Bewegung.

Wir waren Eindringlinge. Das musste er zumindest denken. Es ist sein Recht, so zu denken. Wir wollten ihn nicht stören, wir wollten ihm nichts böses. Aber woher soll er das wissen? Er handelt nach seinem Instinkt. Er verlässt sich nicht auf Gefühle oder Vermutungen.

In dieser Nacht habe ich lange am Feuer gesessen… fast eine Flasche Southern Comfort lang. Nein, Angst hatte ich nicht. Respekt hatte ich. Wie vor jedem Lebewesen. Vielleicht habe ich eher vor Menschen Angst als vor Tieren. Was unterscheidet uns denn vom Tier? Ein Tier handelt aus instinktiven Beweggründen, es erhält sich und es erhält seine Art. Und dafür tötet es manchmal sogar. Aber es schadet nicht wissentlich und schon gar nicht willentlich. Es kennt kein Unrecht, es kennt nur Recht.

Ich hab‘ den Rest der Flasche ausgeschüttet. Das macht mich anders. Das macht den Unterschied. Ich kann Dinge tun, die unsinnig sind. Dinge, die gegen die Logik sprechen und mehr schaden als nutzen. Und oft genug tu‘ ich sie auch. Dann bekomm‘ ich Angst vor mir selbst.

Chobe National Park 1998

* * *